50 Levels of Bullshit

Mit diesem Beitrag bin ich möglicherweise spät dran, er enthält demnach auch Spoiler, aber da die, die es lesen wollen, dies schon getan haben und die, die des nicht tun wollen, auch hoffentlich nicht tun werden, geht das klar. Ich habe nachträglich einige Ergänzungen vorgenommen, zu denen mich Nelli H. angeregt hat. Vielen Dank dafür.

Shades of Grey – der Bestseller aus der Fan Fiction-Hölle von E. L. James – ist bereits drei Jahre alt und die Auf- und Erregung, die die Buchreihe erzeugte, ist bereits abgeflaut. Mein Verhältnis zu diesem Phänomen war immer gespalten. Einerseits wollte ich Frau James nicht noch mehr Geld in den Rachen werfen, andererseits war ich dann aber doch neugierig, was frau an diesem Machwerk denn so findet. Über einige Umwege bekam ich das Buch dann in die Hände – und war entsetzt. Shades of Grey ist auf so vielen Ebenen (ist das eigentlich ein Anglizismus?) schlecht, nein nahezu beschissen, dass ich es als Frechheit empfinde, dass ein Verlag so einen ausgemachten Bockmist überhaupt veröffentlicht.

Sprachlich gesehen ist Shades of Grey als absolut armselig zu bezeichnen. Ich habe das Buch im Original gelesen und bin fasziniert, welch beschränkte sprachliche Varianz ausreicht, um einen Bestseller zu schreiben. Anastasia Steele, die zu Anfang im wahrsten Sinne des Wortes unbeleckte Protagonistin, erzählt die Geschichte aus ihrer Perspektive und ist vom Objekt ihrer Begierde, dem Fantastillionär Christian Grey, so hin und weg, dass sie ihn nur „in aaaww“ anschmachtet und sich dabei auf die Lippe beißt, während er immerzu, von ihrer zerbissenen Unterlippe angeturnt, den Kopf auf die Seite legt. Dann haben die beiden in der Regel Sex und sie explodiert „around him“, während ihre „innere Göttin“ Purzelbäume und Räder schlägt. Every fucking time! Seems legit.

Mir war Shades of Grey immer als S/M-Roman bekannt. Ich hatte entsprechende Erwartungen an die Darstellung des Verkehrs zwischen „Ana“ und Christian. Was kam war… konventionell. Die beiden kopulieren zwar häufig (etwas anderes als Vögeln verbindet sie auch nicht) und in jeder denkbaren Lokalität – aber so richtig „hart“ wird es irgendwie nie. Wozu hat dieser Mann denn seinen komischen „Playroom“? Die einzige masochistische Anwandlung, die man bei Ana feststellen kann, ist ihre vollkommen irrationale Liebe zu Psychostalker Christian, der aufgrund seiner Beschattungs- und Kontrollmanie ein hervorragender Kandidat für die NSA wäre. Aber wieso habe ich von Ana, einer absolut weltfremden Frau, die im 21. Jahrhundert einen Uni-Abschluss OHNE COMPUTER erlangen konnte, eigentlich etwas anderes erwartet? Ich muss nicht extra erwähnen, dass ihr sämtlich verfügbare IT-Technologie dann von ihrem Lover zur Verfügung gestellt wird. Wer einen Privatjet und einen Hubschrauber namens Charlie Tango sein Eigen nennt, kann sich auch ein Ipad, ein Macbook (welche Absprachen hatte Frau James da eigentlich mit Apple?)  und sowieso alles leisten. Ebenso absurd ist, dass im Buch ständig von Liebe gesprochen wird – Ana und Christian bumsen eigentlich nur und wenn sie dann doch reden, haben sie Streit, weil beide notorisch misstrauische und eifersüchtige Monster sind. Doch zum Glück gibt es ja die schöne Erfindung Versöhnungssex, das füllt Seiten und beglückt die geneigte Leserin.

Ana, zu Beginn wie erwähnt noch jungfräulich, findet in Christian allerdings sofort ihre sexuelle Erfüllung und orgasmiert, sobald er sie berührt. Und natürlich bei ihrem ersten Mal. Seems legit. Dass der Sex immer super clean und wild-romantisch ist, muss ich nicht extra erwähnen. Das ist schließlich ein amerikanischer Frauenroman und nicht Feuchtgebiete. Für viele junge Leserinnen, die vielleicht ähnlich unerfahren sind wie Ana zu Anfang, könnten erste eigene sexuelle Erfahrungen sehr desillusionierend sein.

Für alle, die es noch nicht wissen: Frau James hat Shades of Grey ursprünglich als Fan Fiction von Twilight verfasst – Ana und Christian sind also Bella und Edward, nur dass sie eben Sex vor der Ehe haben (James ist offensichtlich keine Mormonin) und Christian im Sonnenlicht nicht glitzert. Ana ist blass und dünn und hat ganz offenbar eine Wahrnehmungsstörung, was ihren Körper betrifft, da sie sich hässlich findet. Dennoch wird sie von ausnahmslos allen männlichen heterosexuellen Wesen ihrer Umgebung begehrt, was sie allerdings entweder als vollkommen selbstverständlich empfindet – oder aus schlichter Blödheit nicht wahrnimmt. Christian hingegen ist ein „griechischer Gott“ (noch so eine Vokabel, die auf gefühlt jeder Seite dreimal vorkommt) – und da schöne Menschen bekanntermaßen nur andere schöne Menschen begehren (what else?) ist es für Ana (wie auch für Bella in Twilight) vollkommen unverständlich, weshalb Christian sie toll findet. Zusammenfassend: Es geht also um zwei blendend schöne Menschen, die permanent ficken, bis sie dann heiraten. Drei Bücher lang. Und ich habe das fast alles gelesen!

Das bereits angesprochene Körperbild von Ana ist nicht nur deshalb problematisch, weil sie unfassbar schön ist und sich trotzdem hässlich findet, nein: Ihr Name zieht eine unangenehme Analogie (oh snap!) zu Pro-Ana-Gruppen und ihr gleichzeitig explizierter Wunsch, möglichst dünn sein zu wollen (es wird ständig thematisiert, dass sie NICHTS isst), um für ihren Christian schön zu sein, macht das Ganze nicht besser. Ob der Eindruck nur Folge einer unglücklichen Namenswahl ist oder nicht, kann ich nicht beurteilen. Ich habe keine Ahnung, wie das Altersgefüge der LeserInnen ist, aber als Role Model sollte man Ana nicht hernehmen.

Dass S/M-Sex dann noch pathologisiert wird – Christian ist ein gänzlich verkorkster Mensch, der in seiner Kindheit misshandelt und vernachlässigt und dann in der Jugend von einer älteren Frau zum Dom gemacht wurde – setzt dem ganzen dann die Krone auf.

Shades of Grey ist in jeder Hinsicht ein Scheißbuch – keine Frage. Vielleicht hasse ich es aber auch SO sehr, weil mir nie selbst eingefallen ist, sowas zu veröffentlichen, um damit Abermillionen zu scheffeln. Was ich dazu brauche? Übernatürliche, schöne Wesen und viel Geschlechtsverkehr. Ist doch eigentlich ganz easy.