Dem Elend keine Bühne bieten

Ich war neulich bei einer Lesebühne. (Heißt es überhaupt „bei“ einer Lesebühne sein oder ist man „auf“ einer, auch wenn man nicht selbst gelesen hat?) In einer kleinen Eckkneipe in dieser kleinen Stadt wurde ein Mikrofon aufgestellt und ein Mensch am Eingang kassierte zwei Euro, im Gegenzug erhielt man einen Stempel und mit Glück einen Sitzplatz. Ich bin noch nie auf einer solchen Veranstaltung gewesen, mir ist es oftmals unangenehm, wenn Menschen ihre (meist nur so mittelguten) eigenen Texte vortragen. Diese sind oft stilistische Kopien von irgendwas Berühmtem, gefühlsduselig, überproduziert.

Nun, der Mensch, der am Eingang kassiert hatte, war auch der Conférencier des Abends. Das erinnerte mich an die kleinen Wanderzirkusse, die während der Sommerurlaube meiner Kindheit am Strand ihre Zelte aufschlugen und wo die Person am Ticketschalter gleichzeitig auch den Clown und das Hinterteil des Kamels darstellte. Sehr nostalgisch! Außerdem spielte ein Mensch namens August E-Gitarre und sang dazu. Vermutlich seine eigenen Songs, denn ich kannte sie nicht. Es war mir ungewohnt, zu sitzen und Musik zu lauschen und ich wusste nicht so recht, wohin ich schauen sollte. August war übrigens auch wie vom Wanderzirkus, er sollte später noch einen Text lesen (der im Übrigen der Beste des Abends sein sollte).

Der Conférencier rief die einzelnen Leser auf und bildete sich ein, dies besonders witzig zu tun. Das Maskulinum ist hier Absicht, denn es waren ausschließlich Männer. Die wenigen Frauen, die hätten lesen sollen, hatten abgesagt. Eine habe auf eine Party gemusst, so die Ankündigung. Das Leben ist hart und voller schwerer Entscheidungen. Die Lesenden sahen irgendwie alle aus wie Informatik-Studenten, was sehr vorurteilsbehaftet klingt und es auch ist. Manche schrieben von Drogentrips und es war schnell klar, dass sie womöglich aus dem Internet von der Existenz dieser und jener Droge wussten, sie selbst aber garantiert nicht ausprobiert hatten. Das war ein bisschen erbärmlich und leider nicht wirklich lustig, obwohl dies vermutlich die Absicht der Autoren gewesen war. Bisweilen fühlte ich mich an Texte von Mittelstufen-SchülerInnen erinnert, die von ihrem Deutschlehrer dazu gezwungen wurden, etwas kreatives zu schreiben. Nur würden die sich nicht freiwillig hinter ein Mikrofon stellen, was meist auch besser ist.

Dann kam ein Poetry Slammer. Ich wusste bis zu diesem Abend nicht den Unterschied zwischen Poetry Slam und Lesebühne, es geht wohl um den Wettbewerbsgedanken, unter anderem. Bei einer Lesebühne bewertet man das Gehörte nicht, ich hätte das bisweilen gerne getan, aber man ermahnte mich zur Höflichkeit (und es waren auch ein paar ganz gute Texte dabei). Dann stellte ich fest, dass ich Poetry Slam zum Kotzen finde, zumindest dann, wenn diese Menschen alle mit einem ganz fiesen Rhythmusgefühl pseudo-deepe Texte reimen. Es machte mich schier aggressiv, als ein zugezogener Jüngling seine Texte über Flatulenzen und hab-ich-vergessen darbot und ich mich fragte, ob das so sein müsse, ob Poetry Slammer gescheiterte Rapper seien und ob manche Texte nicht wenigstens ein bisschen unterhaltsamer wären, würde man das Geschwurbel über vertane Chancen, den Willen, das Leben zu Leben und über verflossene Liebschaften am Ende mit einem „Yo, Bitch“ (oder so ähnlich) abrunden.

Nach der Veranstaltung diskutierte ich mit dem Conférencier und einem mir unbekannten Menschen, der sehr treffend feststellte, dass ich der positiven Seite des Lebens wohl nicht so zugewandt sei. Eiskalt kombiniert. Wir lieferten uns einen Wortwechsel, ich war wohl gemäß meiner mir eigenen offenen und positiven Art sehr direkt. Hinterher erfuhr ich, dass es sich um einen Menschen von der FDP (diese Partei von damals, ihr wisst schon…) gehandelt hatte, das machte mich froh. Es war ein schöner Abend!

Advertisements

Share this…

social-media-share-buttonsLasst uns doch mal über Internet-Trends reden. Über Videos und Bilder, die in den sozialen Netzwerken massenhaft geteilt, geliebt und – natürlich – auch gehasst werden. Sie berühren, bringen zum Lachen oder empören die Massen. Man teilt, was man großartig oder eben verachtenswert findet, damit die (Facebook-)FreundInnen es ebenfalls lieben oder gleichermaßen scheiße finden. Ist manchmal ganz nett, aber bisweilen auch nervig.

Etwa, wenn ein Video von (natürlich schönen und sympathischen) Menschen, die sich kurz nach Kennenlernen küssen sollen, um die Welt geht. Hach, es ist ja so berührend, diese Nähe zwischen Fremden. Das Phänomen war allerdings noch keinen Tag alt, da wurde es schon entzaubert: Werbung war das, für Klamotten. Gar nicht mal so dumm, möchte man meinen. Allerdings weiß ich bis heute nicht, welche Firma eigentlich dahinter steckt. Ist das dann trotzdem erfolgreiches virales Marketing?

Dann ging neulich ja die Empörungsmeldung durch Facebook, dass ausgebeutete Näherinnen in Kleidung der Billigst-Kette Primark Hilferufe auf Etiketten eingenäht hätten, um auf ihre schlechten Arbeitsbedingungen hinzuweisen. Davon abgesehen, dass diese Etiketten wohl gefälscht waren. Was mich an dieser Empörung aufregt? Welche Primark-Kundin dachte denn vorher ernsthaft, dass T-Shirts, die im Laden für wenige Euro verramscht werden, von Menschen produziert werden, die nach Mindestlohn entlohnt werden, bezahlten Urlaub genießen und nicht übelste Akkord-Arbeit verrichten müssen? Wie naiv ist das denn bitte? Und Hilferufe hin oder her – die Städte werden weiterhin voll sein mit Menschen, die ihre im Kampf mit anderen SchnäppchenjägerInnen erlegte Beute in braunen Papiertüten nach Hause tragen.

Und dann ist da noch Julia Engelmann, die mit ihrem Poetry Slam Beitrag „One Day / Reckoning Song“ die Nation beglückte mit einem Text, der sich dafür aussprach, das Leben endlich mal zu leben, verdammt (oder so, ich hab mir das nie ganz angeschaut) und sich nicht nur Dinge vorzunehmen, die man eh nicht schafft. Sie besingt darin die Lethargie unserer (ja, auch meiner) Generation, die ja so gerne mehr wäre, mehr könnte, aber vom Smartphone gebremst wird (irgendwie schon ironisch, dass u.a. jene Technologie Frau Engelmann nun diesen Fame gebracht hat, nicht?). Ja, man, wieso ist unser Leben nicht so geil wie in Filmen und der Werbung mit Partys auf Dächern, an Stränden, bis die Sonne morgens aufgeht? Frau Engelmann (ich habe mir das jetzt doch angeschaut) trägt ihr Gedichtlein vor mit einer Mischung aus (gespielter?) Schüchternheit, dem Gestus eines Joe Cocker und dem Reimschema einer Grundschülerin. Sie ist nun berühmt, zumindest schließe ich das aus dem Umstand, dass ZEIT Online heute erneut ein Gedicht von ihr teilte, in welchem sie in bester NEON-Magazin-Manier gespickt mit Jugendsprech über Zwischenmenschliches (und so) schwadroniert. Was irgendwie ernst gemeint sein soll, aber aufgrund ihrer verzweifelten Versuche, ein Lachen zu unterdrücken, eher albern wirkt.

Nun gut, was ist mein Problem? Ich bin ja nun nicht wirklich Poetry Slam-affin, aber ich bin mir sicher, dass DAS nicht die qualitative Speerspitze der Szene ist. Und wenn, dann möchte ich mir bitte umgehend die Augen ausstechen und das Trommelfell zerstören. Inhaltlich ist das ja auch nicht so wirklich neu (und das gab es auch alles schon besser) und ich frage mich, wieso ausgerechnet Frau Engelmann damit so erfolgreich sein konnte. Ich wünsche mir manchmal, sie wäre Soapsternchen geblieben.

Und dann kommt ja kein Social Media-Phänomen mehr aus ohne Parodien. Ob erste Küsse nun durch erste Ohrfeigen ersetzt wurden (wobei ich ja finde, dass das wirklich VIEL zu spät kam, um noch irgendwie subversiv zu wirken) oder ob Jan Böhmermann auf den Engelmann-Zug aufspringt (wobei ich ihn hier ausnahmsweise wirklich mal gut finde, ehrlich!) – alles muss nochmal verwurstet und – natürlich – nochmal geteilt werden. Würden nur mal mehr Menschen diesen wunderbaren Blog teilen, das wäre so schön!