Lasst mal stecken, Part II

Quelle: topsicherheit.de

Quelle: topsicherheit.de

Selfies sind ja so ein neuer Trend. Also eigentlich gar nicht so neu, denn Selbstportraits haben Menschen von sich schon gemacht, als das Hashtag noch Rautetaste hieß und man nicht wusste, welchen Sinn diese auf einem Wählscheibentelefon erfüllte (und höchstwahrscheinlich auch noch davor). Anyway: Heutzutage hat man den Fotoapparat immer am Start und lichtet daher bevorzugt sich selbst ab. Manchmal dürfen aber auch die lustigen FreundInnen mit drauf, etwa, um einen epischen Partyabend für immer festzuhalten. Denn passiert ist nur, wovon Bilder existieren!

Narzissmus ist keine sehr schöne Eigenschaft und manche leben diesen via Selfie extremer aus als andere: Ich habe neulich vom unter jungen Menschen sehr modernen Vorgehen erfahren, Selfies von sich bei Facebook zu posten und diejenigen darauf zu verlinken, die das Bild liken (wenn diese „schön“ genug sind). So entstehen ganz seltsame Feedbackschleifen von irgendwie immer gleich aussehenden, immer etwas grisseligen Bildern vorm heimischen Laptop. Und bitte jeden Tag mindestens zwei Neue einstellen, man könnte sonst übers Wochenende vergessen haben, wie die KlassenkameradInnen so aussehen. Ich fühlte mich sehr alt, als ich das sah, denn als ich die Schule abgeschlossen habe, waren Kameras in Handys wenn überhaupt gerade erst im Kommen.

Ich dürfte mich auch eigentlich nicht über diese wunderbare Erfindung der Handykamera beschweren, denn ich nutze sie selbst zu gern. Ich knipse damit Chemtrails am Himmel oder die süßeste aller Bohnen, seltsame Straßenkunst und andere Obskuritäten (darunter auch mich selbst, ich geb’s ja zu). Allerdings: Kein Essen und keine Katzen, es muss ja schließlich auch Grenzen geben (über diese Unart habe ich ja auch schon vor längerer Zeit bereits geschrieben).

Was mich an Handykameras und vor allem der damit verbundenen Möglichkeit, Fotos direkt ins Internet zu knallen, aber wirklich stört, ist dieser Hang vieler Menschen dazu, andere Leute (heimlich) zu knipsen und die Bilder dann – selbstverständlich ohne die Einwilligung der Abgebildeten – ins Internet zu stellen. Wer Meme-Seiten wie 9Gag oder 4Chan kennt, weiß, wie viele Fotos von Menschen in Bussen, Bahnen, in Schulen, an der Uni und sonstwo gemacht werden, weil diese „seltsam“ und nicht der Norm entsprechend aussehen oder sich irgendwie komisch verhalten. Es reicht nicht mehr, sowas später den FreundInnen zu erzählen, nein, es muss ein Bildbeweis her. Scheiß egal, ob man damit Persönlichkeitsrechte verletzt (denn auch eine Person mit pinken Cowboystiefeln und Netzhemd hat Recht am eigenen Bild, man möchte es kaum glauben), besonders unangenehm wird’s dann, wenn danach das Bild unkontrolliert durchs Netz geistert.

Anstoß für meinenText war ein Artikel in der SZ zum Kotzhügel auf dem Münchner Oktoberfest, eine Veranstaltung, der ich nun wirklich gar nichts abgewinnen kann. Umso abstoßender ist es, wenn man lesen muss, wie Männer betrunkenen und/oder bewusstlosen Frauen schamlos in den Ausschnitt knipsen, diese sogar betatschen und sich anschließend an den Bildern davon ergötzen. Oder Fotos von Alkoholleichen machen, die in Pissepfützen liegen. Das sind vermutlich die gleichen Menschen, die bei einem Unfall erstmal das Handy zücken. Die so tun, als würden sie FreundInnen fotografieren, um die alberne Frisur eines Passanten aufs Bild zu kriegen. Die gleichen, die ganze Konzerte filmen, die nach dem Krafttraining aufgepumpt vorm Spiegel posieren, die im Fitnessstudio die dicke Frau auf dem Laufband ablichten, um sich dann online über ihre Anstrengungen lustig zu machen. Also zumeist verachtenswerte Geschöpfe.

Das mag alles sehr moralinsauer klingen, aber mich nervt es wirklich tierisch, dass diese Unsitte des heimlichen und ungefragten Fotografierens für viele Menschen ok zu sein scheint. Außerdem wirkt dieses Verhalten wie eine Form der Überwachung: Verhalte oder kleide dich bloß nicht deviant, sonst könntest du in unvorteilhafter Pose im Internet landen!

Sehr passend hierzu ist auch der jüngst kursierende Clip mit Kirsten Dunst, in welchem sie von Fans mehr oder weniger ungefragt fotografiert wird. Auf der Suche nach Likes und Aufmerksamkeit sind (gute, coole, verrückte…) Bilder offenbar unerlässlich. Kann man machen, ist dann aber halt Scheiße (und bisweilen illegal).

Ich möchte euer Essen nicht sehen!

Foto: Ich selbst.

Foto: Ich selbst.

Es gibt Trends, da frag ich mich, woher die eigentlich kommen und wer die erfunden hat. Dazu gehört die Frage, wer jener Mensch ist, der damit begonnen hat, sein Essen zu fotografieren, um dies bei Facebook/Instagram/Tumblr (und was weiß ich, wie die heißen) zu teilen. Diese Person sollte man aufsuchen und ihr mächtig die Ohren langziehen.

Eigentlich finde ich’s ja schön, wenn Menschen selbst kochen und sich sogar Mühe geben, dass das gut aussieht und im Idealfall sogar noch lecker schmeckt. Allerdings finde ich es irritierend, wenn so ziemlich jede  Mahlzeit der (mehr oder weniger großen) Öffentlichkeit präsentiert werden muss. Ganz schlimm wird es, wenn Menschen im Restaurant erstmal wie die Geier mit ihren Handykameras um die gerade servierten Teller kreisen, um möglichst gute Fotos für die Nachwelt zu erhalten und diese dann noch vor dem ersten Bissen mit der Welt zu teilen. Definieren sich wirklich so viele Menschen (nur) über’s Essen? Klar, es heißt ja „Du bist, was du isst“, aber was sind dann diejenigen, die alles fotografieren? Narzisstische Selbstdarsteller? Altruistische Gourmets?

Ich frage mich : Warum macht man das? Die Beweggründe variieren wohl – manche inszenieren sich wahrscheinlich gerne als guter Koch/gute Köchin und möchten ihre Skills der Welt visuell mitteilen. Natürlich freut sich das Publikum mit den mehr oder weniger engen FreundInnen bei Facebook über deren 3-Gänge-Menü im Nobelrestaurant, auch wenn sie nichts davon abkriegen – außer eben ein Foto, welches zumeist unter schlechten Lichtverhältnissen aufgenommen und mit einem grisseligen Retro-Filter aufgewertet wurde (bei scheiß Handyfotos holt das echt was raus!). Ich habe allerdings den Eindruck, dass Facebook für viele Menschen  (darunter bisweilen auch ich) vor allem eine Funktion hat: Nämlich Neid bei denen erzeugen, die nicht mitessen dürfen, die nicht mitfeiern und die gerade nicht auf Reisen sind.

Irgendwie wär’s ja auch nicht cool, von der täglichen Schüssel Müsli zu berichten, auf dem eigenen Sofa „einzuchecken“ (heißt das noch so?) und Wellness-Fotos aus dem eigenen Badezimmer zu senden. Wobei, manche Leute machen das sogar…