Vom Arbeitsfetisch

Über das Wesen „der Deutschen“ wird ja dieser Tage aufgrund der unsäglichen Griechenland/Krisen-Politik der hiesigen Bundesregierung immer wieder geschrieben und gesprochen. Tüchtig sind sie, die Deutschen und pünktlich sowieso, gleichzeitig haben sie keinen Sinn für Humor (das behaupten zumindest viele ÖsterreicherInnen) und verrichten stets Dienst nach Vorschrift. Wenn dies die Kriterien wären, einen Einbürgerungstest zu bestehen, ich hätte keine Chance.

Ja, ich bin faul, nicht immer pünktlich und mein Humor ist von besonders hervorragender Qualität. Insbesondere, wenn es um die Einstellung zur Lohnarbeit geht, fühle ich mich entfremdet, denn während um mich herum Überstunden zum guten Ton zu gehören scheinen und Wochenendarbeit eher die Regel als die Ausnahme darstellt, arbeite ich mich sicher nicht tot. Das bedeutet, ich mache meinen Kram, mache den auch gut (hoffe ich jedenfalls) und ich zelebriere meine Freizeit. Da ich keine Vollzeitstelle habe, sondern im prekären Beschäftigungssystem öffentlicher Bildungs- und Forschungseinrichtungen gefangen bin, verbringe ich also auch nicht 40 Stunden im Büro. Dass ich also nicht Montag bis Freitag von 9 bis 17 Uhr anzutreffen bin, wird mir von KollegInnen dann als Faulheit ausgelegt. Denn Arbeit ist nur, wenn man präsent ist und auch wenn ich nicht für 40 Stunden bezahlt werde, so wird allgemein angenommen, dass man mindestens so viele Stunden ableistet – am besten ohne Arbeitszeiterfassung und die Überstunden als freundliches Präsent für den/die Vorgesetzte(n).

Irgendwas läuft da doch schief… Was ist so geil an endlosen Überstunden und an permanenter Erreichbarkeit? Versprechen sich meine AltersgenossInnen davon Karrierevorteile? Mehr Geld gibt es ja in der Regel nicht. Was ist so toll daran, sich dem Arbeitsfetisch zu ergeben und sich in noch jungen Jahren vom scheiß System zerreiben zu lassen? Ich möchte damit nicht sagen, dass ich mich grundsätzlich Mehrarbeit verweigere (allein diese Rechtfertigung mutet seltsam an). Ich finde es allerdings absurd, wenn diese grundsätzlich eingeplant wird, weil an Personal gespart werden soll. Wieso auch zwei Menschen einstellen, wenn einer die Arbeit von mehreren machen kann? Und dieses Denken existiert nicht nur am freien Markt: Deutsche Unis können ihren Lehr- und Forschungsbetrieb überhaupt nur durch (natürlich unbezahlte) Mehrarbeit ihrer (befristeten) Angestellten aufrechterhalten. Kein Geld für Verwaltungspersonal? Kein Problem, kann ein WiMi machen. Der Prof muss noch eine Vorlesung vorbereiten? Kein Problem, kann der WiMi machen. Macht er/sie ja auch „gerne“, denn wenn er/sie es nicht tut, könnte die Verlängerung des auf ein halbes Jahr befristeten Vertrages ja verweigert werden.

Liebe Leute, sagt doch einfach mal „Nein“. Genießt euer Wochenende und den Feierabend, packt euch auf die Couch, geht aus, mir egal, aber lasst doch Lohnarbeit mal Lohnarbeit sein. Die Zeit all der abgeleisteten Überstunden, die weder ausbezahlt noch abgegolten werden können, gibt euch niemand wieder. Ich will mich nicht schämen müssen, weil ich am Wochenende verreist bin und nicht vorm Computer sitze. Ich muss mich nicht rechtfertigen, wenn ich vor 18 Uhr vom Büro nachhause gehe oder morgens erst später komme. Aber ihr gebt mir das Gefühl.

Vom Wissenschaftsprekariat

Quelle: taz.de

Quelle: taz.de

Wie meinen aufmerksamen LeserInnen nicht entgangen sein dürfte, arbeite ich in der Wissenschaft. Ein Job, der manchmal ganz großartig sein kann (man ist flexibel in der Arbeitszeitgestaltung und bisweilen auch bei der Wahl des Arbeitsortes, die Lehre macht Spaß etc. etc.), aber schlicht und ergreifend durch und durch prekär ist. Irgendein schlauer Mensch hat einmal gesagt, dass postmoderne Gesellschaften sich durch eine „projektförmige“ Lebensgestaltung auszeichnen und nirgendwo trifft das wohl besser zu als im akademischen Betrieb.

Wissenschaftliche MitarbeiterInnen in jenen Disziplinen, die für die Wirtschaft bzw. Industrie wenig interessant sind (also Sozial- und Geisteswissenschaften in erster Linie), werden in der Regel nur Teilzeit beschäftigt. Oftmals werden hierfür verschiedene Viertel-Stellen zusammengeschustert, die durch Lehrstuhl- oder Drittmittel irgendwie finanziert werden. Diese Stellen sind grundsätzlich befristet – wenn man „Glück“ hat, auf drei Jahre mit einer Option auf Verlängerung – sofern denn die nötigen Gelder dafür vorhanden sind. Wenn man allerdings „nur“ in Forschungsprojekten landet, kann die Beschäftigungsdauer kürzer ausfallen – mitunter erhält man Verträge für lediglich drei Monate und es ist ungewiss, wie es danach weitergeht. Neben der wissenschaftlichen Forschungstätigkeit ist man nicht selten mit Administrations- und Sekretariatstätigkeiten betraut, arbeitet dem oder der Vorgesetzten zu, bereitet die eigene Lehre vor und nach, nimmt an Besprechungen teil und und und. Vor der Promotion dürfen wissenschaftliche MitarbeiterInnen allerdings überhaupt nur sechs Jahre an einer (deutschen) Universität beschäftigt werden, was bedeutet, dass man meist über den vertraglich vereinbarten Anteil an Arbeitsstunden hinaus arbeiten muss, um forschungstechnisch vorwärts zu kommen. Das Absurde ist dabei, dass innerhalb des Wissenschaftsbetriebs Ausbeutungsphänomene in der freien Wirtschaft kritisiert werden, man aber selbst die Bereitschaft aufbringen muss, abends länger und auch an den Wochenenden zu arbeiten. Denn Wissenschaft ist ja ein Neigungsberuf und dient nicht nur dem Broterwerb, ganz klar.

Man weiß außerdem nie genau, was nach dem Ende des aktuellen Arbeitsvertrags kommt – selbst wenn konkret geplant ist, diesen zu verlängern, kommt das tatsächliche OK der zuständigen Verwaltungsmenschen an der Uni so kurzfristig wie möglich. In meinem Fall war dies am Tag, an dem mein Arbeitsvertrag endete und ich bereits Post von meiner Krankenversicherung erhalten hatte, dass ich lt. meinem Arbeitgeber nicht länger dort beschäftigt sei (wenn man sowas nach einem Wochenende in der Post findet, reagiert man erstmal einigermaßen panisch, nicht schön!). Gut, dieses Unsicherheitsgefühl kann ich gerade noch ertragen, wenn ich weiß, dass das mit dem Arbeitsvertrag noch rechtzeitig klappt.

Allerdings bedeutet eine rechtzeitige Vertragsunterzeichnung noch lange nicht, dass man für die getane Arbeit auch entlohnt wird. Dafür verantwortlich ist wohl die am schwersten zu erreichende Institution des Universums – das Landesamt für Besoldung und Versorgung (LBV). Die Menschen dort scheinen derart viel zu arbeiten, dass man sie weder telefonisch noch per E-Mail erreichen kann. Was genau dort gemacht wird, ist mir schleierhaft. Effektiv und zeitnah wird dort jedenfalls nicht vorgegangen, denn schon bei Ersteinstellung wurde mir mitgeteilt, ich könne nicht mit einer Gehaltszahlung zum Monatsende rechnen, da das zuständige LBV Bearbeitungsrückstände habe. Ich solle doch auf Rücklagen (nach Arbeitssuche und Umzug) bzw. meine Eltern (weil jede(r) AkademikerIn bekanntlich wohlhabende Eltern hat) zurückgreifen. Ganz schön frech. Vermutlich reagiert man beim LBV nicht auf Anrufe oder Mails, weil diese überwiegend von empörten Menschen kommen. Nachvollziehbar wär’s ja.

Das ist hier alles vermutlich Jammern auf recht hohem Niveau. Es gibt viele viele Jobs, die schlechter bezahlt sind, bei denen man körperlich härter arbeiten muss und von der Chefetage gegängelt wird. Dennoch belastet mich die Unsicherheit dieses Jobs und auch die Erwartung, mehr zu geben als die Arbeitszeit, die mir bezahlt wird. Diese Effekte sind in jeder Branche scheiße und nein – Spaß an der Arbeit rechtfertigt nicht, dass man diese unbezahlt tut.