#jesuisGinaLisa

Nach „den Vorfällen von Köln“ (scheint ein feststehender Begriff geworden zu sein) zum letzten Jahreswechsel könnte man meinen, es sei in diesem Land etwas passiert. Mehr Bewusstsein dafür, was sexuelle Gewalt alles ausmacht. Mein Landesgenosse und Justizminister Heiko Maas möchte das „Nein heißt Nein“-Prinzip durchsetzen. Jetzt erst. Aber immerhin. Man könnte also meinen, es sei etwas passiert.

Ist es aber nicht. Wir leben nach wie vor in einer rape culture, sexuelle Gewalt steht für viele Frauen (und auch Männer) an der Tagesordnung, in welcher Form auch immer. Und nicht immer erfolgt ein bundesweiter Aufschrei, denn sexuelle Gewalt scheint vor allem dann schlimm zu sein, wenn sie ehrbare junge deutsche Frauen trifft und von bösen ausländischen Männern begangen wird – weshalb beispielsweise die AfD-Mannen sich nun dazu berufen fühlen, uns arme Frauen beschützen zu wollen. Vielen Dank, ich verzichte… Solche Diskurse jedenfalls, die einzelnen Ethnien oder Kulturen einen stärkeren Drang zu Übergriffigkeit zuschreiben, sind zutiefst rassistisch und verkennen, dass Deutschland nicht erst seit „der Flüchtlingswelle“ ein Problem hat.

Bestes Beispiel ist dieser Tage der Fall von Gina-Lisa Lohfink, die den meisten Menschen aus Germany’s Next Topmodel sowie anderen Trash-Formaten und der entsprechenden Berichterstattung darüber bekannt sein dürfte. Gina-Lisa wurde vor einigen Jahren Opfer einer Vergewaltigung, die von den beiden Tätern gefilmt und via Video verbreitet wurde. Auf diesem ist deutlich zu hören, dass Gina-Lisa „Nein“ und „Hör auf“ sagt – sehr deutliche Anzeichen dafür, dass der gefilmte Sex nicht einvernehmlich war, wie von den Tätern behauptet. Für die Verbreitung wurden sie verurteilt, für die Vergewaltigung nicht. Stattdessen erhielt Gina-Lisa einen Strafbefehl über 24.000 (!!) Euro wegen Falschbeschuldigung – sie hatte vermutet, dass ihr KO-Tropfen verabreicht worden seien. Bei der Gerichtsverhandlung neulich brach sie zusammen – u.a., weil sie von mehreren Männern lautstark als „Hure“ beschimpft wurde.

Und dann muss ich in diesem Internet lesen und im Fernsehen hören, dass Gina-Lisa aufgrund ihrer eigenen Karriere – inszenierte Skandälchen, ein selbst vermarktetes Sextape etc. – ja irgendwie selbst Schuld und wenig glaubhaft sei. Sobald eine Frau sich also sexuell freizügig gibt und in manchen Situationen einvernehmlichen Sex hat und diesen filmen lässt, ist sie gänzlich unglaubwürdig. Jaja, die Frauen mit ihren kurzen Röcken, die die Pfiffe ja provozieren und so. Mir kommt das Kotzen. Es ist vollkommen unerheblich, mit wem Gina-Lisa (oder jedes andere Opfer sexueller Gewalt) im Vorfeld einvernehmlich wie Sex hatte, ob sie ihre Brüste schon mal nackt irgendwo präsentiert oder im Erotik-Business Geld verdient hat – nichts davon rechtfertigt, dass sie sexuelle Gewalt verdient hat. Nichts davon macht sie unglaubwürdiger.

Oder David Garrett, der Teufelsgeiger. Also „teuflisch“, weil höllisch mies, aber darum geht es nicht. Der soll seine Ex-Freundin misshandelt haben, u.a. Sie möchte viel Geld, hat ihn kennengelernt, weil er sie als Escort-Dame buchte, sie ist Porno-Star. Niemand weiß, was wirklich vorgefallen ist. Aber allzu oft liest, sieht und hört man, dass dieser nette liebe Herr Garrett, den sicher unzähliche Damen der Nation als Schwiegersohn haben möchten, ja wohl nicht zu sowas fähig sei. Und Frauen aus „diesem Gewerbe“ sei ja ohnehin nicht zu glauben. Ist das denn zu fassen? Ich werde mich hüten, mich auf eine Seite zu schlagen, denn ich war nicht dabei, so etwas müssen Gerichte klären. Aber mit welch Präpotenz viele Menschen ihr vermeintliches Wissen in die Welt blöken, dass es nur SO gewesen sein kann, dass ein Mann, der nach außen hin nett wirkt, gar nicht gewalttätig sein kann, dass eine Frau aus der Erotik-Branche natürlich lügt, das macht mich fertig. Wirklich.

Ein anderer Fall, diesmal aus den USA, der aber auch ganz gut zeigt, wie Herkunft und Status Einfluss nehmen auf die eigene Glaubwürdigkeit. An der Stanford University vergewaltigte ein Student und Mitglied des Schwimmteams eine Kommilitonin – und wurde zu sechs Monaten Haft verknackt, von denen er gerade einmal drei absitzen muss. Drei Monate. Für Vergewaltigung. Der Richter war sich nicht zu blöd, das Folgende zu seinem Urteil abzulassen:

“A prison sentence would have a severe impact on him. I think he will not be a danger to others.”

Ich muss wahrscheinlich nicht extra betonen, dass der Verurteilte weiß und aus „gutem Hause“ ist, oder? Nicht auszudenken, welches Strafmaß einen nicht-studierten Schwarzen erwartet hätte. Dieser ganzen Posse setzte dann der Vater des Täters die Krone auf, denn er findet es ja nicht gerecht, dass das Leben seines Sohnes zerstört werde, wegen „20 minutes of action“. Das muss man sich mal auf der Zunge zergehen lassen. Der arme Bub ist nun vorbestraft, dabei hat er doch nur 20 Minuten lang Spaß gehabt und damit das Leben einer Frau zerstört. Boohoo, cry me a river. Ich möchte noch mehr kotzen. Was ist das für eine Welt, in der man sich um das Wohlbefinden eines Täters derart sorgt?

Das Opfer hat übrigens einen ganz eindrucksvollen Brief zum Vorfall, an welchen sie sich nicht erinnert, geschrieben. Mich bedrücken ihre Zeilen sehr, denn sie muss in einer Welt leben, in der Vergewaltigungen, wie die, die ihr widerfahren ist, bagatellisiert und kleingeredet werden. Ja, das nennt man rape culture und ja, diese existiert nach wie vor. Täter sind nicht nur die bösen, schwarzen Männer, die uns in Horden überrennen. Und Opfer können wir alle werden, und nein, wir haben es nicht provoziert.

 

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