Man wird das ja wohl noch sagen dürfen…

Dieses Jahr war politisch und menschlich gesehen bisher katastrophal. Menschen ertrinken vor den Toren Europas. Flüchtlingsunterkünfte brennen in Deutschland. EU-PolitikerInnen versuchen, die Folgen von Wirtschaftskrisen mit Erpressung und Privatisierung zu lösen.

Und ich? Ich sitze im Büro bei offenem Fenster, lasse mir ein laues Lüftchen um die Nase wehen und zu meinen derzeitigen Problemen gehört die Frage, wann ich Feierabend mache, was ich zu Abend esse und ob mein neues Tattoo gut verheilt. Gut, irgendwo im Hinterkopf winkt mir noch der Riesenhaufen an Arbeit zu, der mit meinem Dissertationsvorhaben verbunden ist und den ich gerade nicht angehen möchte. Aber sonst geht’s mir gut.

Wenn man sich heutzutage so das Internet anschaut, möchte man meinen, dass ich da die große Ausnahme bin unter meinen Landsleuten. Neid und Missgunst regieren dieser Tage und es ist bekannt, dass diese Emotionen nichts Gutes bedeuten. Facebook und Kommentarspalten von Nachrichtenseiten sind voll von zynischen, bösartigen und offen fremdenfeindlichen Menschen, die es auf Flüchtlinge abgesehen haben, die aufgrund von Krieg, Verfolgung oder dem nachvollziehbaren Wunsch nach einem besseren Leben im reichen Norden den Weg nach Deutschland gefunden haben. Kann man es ihnen verübeln? Absolut nicht.

Doch es gibt eine ganze Menge von Menschen, denen es nicht zu blöd ist, Flüchtenden quasi die Butter auf dem Brot zu neiden. Sobald eine Spendenaktion angekündigt wird, ist die Frage nach den armen benachteiligten Landsleuten nicht weit, denn Mitgefühl endet ja bekanntlich an Staats- oder Kulturgrenzen. Da wird Menschen, die bereit sind zu helfen, unterstellt, sich für „das Falsche“ einzusetzen – der eigene Aktionismus endet dann aber mit einem Klick auf den „Senden“-Button.

Und Lügen werden verbreitet. Flüchtende bekämen Begrüßungsgeld und wohnten in schicken Hotels. Außerdem: Wie könnte man denn behaupten, diese Menschen hätten nichts am Leib, wenn sie doch so viel für ihre Überfahrt bezahlt hätten und dreisterweise noch ein Smartphone besitzen? Diese bösen Menschen wollen doch nur unser Geld und unsere Frauen! Und wer denen helfen möchte, der soll diese Leute doch bitte bei sich zuhause unterbringen, damit spare der Staat immerhin Geld und dann würde man schon sehen, wie dieses kriminelle Pack alles klaut und zerlegt, was nicht niet- und nagelfest ist, jawohl! Aber gleichzeitig arme Straßenhunde aus Osteuropa importieren, die es dort dank krimineller VermehrerInnen zu Tausenden gibt. Denkt doch auch mal einer an die armen Tiere!

Mich kotzt das so an. Jede Diskussion zum Thema beinhaltet genau jene Aussagen, man könnte ein vortreffliches Bullshit-Bingo draus machen. Als toleranter Mensch müsste ich andere Meinungen zum Thema aushalten, sagen viele. Als toleranter Mensch muss ich aber keine menschenverachtenden Lügen aushalten, oft verpackt in ein vermeintlich argloses „Man wird ja wohl noch fragen dürfen“. Und sich dann noch im Recht fühlen, weil andere Kleingeister dem Blödsinn auch noch zustimmen.

Was ist los in diesem Land? Was ist los mit Menschen, denen es nicht zu blöd ist, ihre Lügen bequem vom heimischen Sessel aus zu verbreiten? Wie schlecht kann es einem/einer gehen, wenn man dafür Zeit, Motivation sowie die nötigen Ressourcen hat? Wie dämlich kann man sein, sowas dann noch unter Klarnamen ins Internet zu scheißen? Es ist nun soweit gekommen, dass ich sogar Til Schweiger für sein Auftreten zu diesem Thema insgeheim applaudiere, die Situation ist also dramatisch!

Manchmal fühle ich mich hilflos, weil ich weiß, dass Diskussionen mit solchen Menschen nichts ändern werden. Ein Schlag auf den Hinterkopf vermutlich auch nicht, genugtuend wäre das jedoch.

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