Das Leben ist ein BH

lisca-multiway-bhDie Anforderungen, die das Leben in einer neoliberalen Gesellschaft an mich und meine Generation stellt, gleichen einem dieser neumodischen Multifunktions-BHs. Dies ist eine Metapher, die mir heute am inspirierendsten aller Orte – dem Badezimmer – einfiel und an der ich mich nun abarbeiten muss, um meinen Seelenfrieden zu finden.

Mit Multifunktions-BH meine ich jenes Brustgeschirr, welches in der Anordnung der Träger Flexibilität suggeriert. Man kann sie „normal“ tragen, über Kreuz, als Neckholder oder gar nicht (und damit riskieren, dass sämtlicher Inhalt rausfällt, anyway). Daher verfügen die Träger über Schnallen und Haken, um in jede nur vorstellbare Form gebracht zu werden – ein BH für alle Lebenslagen quasi. Nur – ich kenne niemanden, der dies nutzt. Die kleinen mitgelieferten Verbindungsteile zum Herstellen einer Neckholder-Konstruktion verlieren sich noch am Tag des Kaufes in den Untiefen der Unterwäsche-Schublade und im Endeffekt ärgert man sich nur über unverhofft ins Gesicht schnalzende Träger, die sich bei dem Versuch, wieder anmontiert zu werden, unangenehm verdrehen. Es geht also gar nicht darum, dass man die unendlichen Möglichkeiten dieses BHs wirklich wahrnimmt – aber man weiß, dass es sie gibt und das ist, was zählt.

Damit steht der Multifunktions-BH als Metapher für die Erfordernisse, die das Leben in der heutigen, nennen wir sie mal neobliberalen, Gesellschaft an uns stellt: Man muss sich für alle Möglichkeiten wappnen, flexibel sein. Auf keinen Fall festlegen, sondern wandelbar sein, bloß nicht die Verbindungsstelle verlieren im Chaos. Und auch wenn das Leben eigentlich ganz gut sitzt und bequem ist, schnalzt es einem immer wieder gerne mit Karacho ins Gesicht, verdreht sich auf unangenehme Weise, drückt und hinterlässt Spuren.

Was will ich damit nun eigentlich sagen? Tja – ich bin es zum einen tatsächlich leid, ständig sich loslösende BH-Träger wieder anmontieren zu müssen. Mich nervt es aber noch mehr, für alle Eventualitäten im Leben gewappnet sein zu müssen, Möglichkeiten offen halten, egal ob beruflich oder den Wohnort betreffend oder die LebenspartnerInnen oder was auch immer. Manchmal passt der BH – oder das Leben – ganz gut so, wie er (es) ist. Da muss man nicht nachjustieren und nicht umschnallen.

Diese Metapher – oder Theorie – muss ich noch weiterdenken… Diskussionen hierzu sind mir willkommen.

Advertisements

4 Gedanken zu “Das Leben ist ein BH

  1. Immerhin kannst du Multifunktions-BHs tragen. Ich brauche definitiv Träger – und zwar keinen dünnen. Von daher bin ich wohl nie für alle Eventualitäten, wie trägerlose Tops und Kleider, gewappnet. 🙂

    Gefällt mir

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s