Hass dem Sexismus

Mein Kommentar zum Thema: Ein weicher Keks.

Heute müssen wir mal über Pick Up reden. Damit meine ich weder diese seltsamen Doppelkekse, die ich nur aus nervigen Werbespots kenne, noch Autos, sondern eine unglaublich niveaulose und widerwärtige Art, Frauen klarzumachen. Wer davon noch nie gehört hat: Das, was Barney Stinson in How I met your Mother macht, das ist zum Teil Pick Up (nur ohne diesen ganzen überheblichen Scheißdreck, der das Gegenüber erniedrigt).

Dabei handelt es sich um irgendwelche pseudowissenschaftlichen Erkenntnisse, wie Männer und Frauen so ticken (und zwar grundsätzlich alle) und wie man sich am besten verhält, um das (in der Regel weibliche) Gegenüber zu „layen“ (Community-eigenes Fachwort für Flachlegen). Zu diesem Zwecke werden irgendwelche Spielchen nach Schema F angewandt, um die Frau rumzukriegen. Man neckt sie, man erniedrigt sie mit irgendwelchen ultraflachen Sprüchen, man berührt sie immer wieder mal (nennt sich KINO), dann ignoriert man sie wieder. Bis sie dann irgendwann doch ihre Nummer rausrückt (nennt man NC). Wenn man dann die Frau datet, sollte man sich nie nur auf sie konzentrieren (= Oneitis), sondern immer mehrere am Start haben – und die Dame das auch wissen lassen. Man ist nämlich begehrt, führ ein geiles Leben und daher nicht immer verfügbar. Auf SMS-Geplänkel sollte sich der ECHTE Mann auch nicht einlassen. Man erteilt per Telefon Anweisungen, denen die Frau nachzukommen hat. Gibt man sich dann doch mal ihrem Willen hin, ist man „betaisiert“, was quasi mit dem Label des Losers gleichzusetzen ist.

Zum ersten Mal auf Pick Up gestoßen bin ich während einer Recherche, bei der es um etwas vollkommen anderes ging. Ich landete aber irgendwie in einem dieser Pick Up Foren und war gleichermaßen fasziniert wie angeekelt. Dort tauschen sich zumeist sehr verzweifelte, aber auch einige (vorgeblich) überaus erfolgreiche Männer über ihre (Miss-)Erfolge aus, posten sogenannte Field Reports und lassen von anderen ihr „Game“ bewerten. Das alles ist für die Einsteigerin ein Buch mit sieben Siegeln, denn es gibt ein ganz eigenes Vokabular in dieser Community. Da ist die Rede von „HB“ (= Hot Bunnies), die in eine Skala von 1-10 einsortiert werden, aufsteigend nach Attraktivität. Selbstverständlich „approachen“ die PUAS (= Pick Up Artists) nur Frauen, deren HB-Wert höher ist als 7 (schon interessant, dass so etwas wie Geschmack in eine objektivierbare Skala umgewandelt werden kann…). Dann ist da die Rede vom „Inner“ und „Outer Game“, vom „flaken“, „freezen“, von Frauen, die LSE (= Low Self Esteem) oder HSE (= High Self Esteem) haben. Das, was die meisten PUAS eigentlich suchen, ist eine LTR (= Long Term Relationship) und die wahren Meister ihrer Kunst tun dafür vor allem eins: So viele Frauen wie möglich belästigen ansprechen, mit Sprüchen, die zwischen faszinierend simpel und ekelerregend changieren.

Und, große Überraschung: Wenn man unzählige Frauen anspricht, dann beißt irgendwann auch mal eine an. Auch wenn man sie permanent beleidigt. Beispiel? Folgenden Dialog habe ich aus einem entsprechenden Forum:

Sie steht am Regal und nimmt grade ein Buch raus das hieß Lucifers Erbe, ich hab das Buch auch mal vor langer Zeit gelsen und wusste in etwa was abgeht.

Ich stelle mich so direkt neben sie und schau ein Buch an.

Raiser: *flüstert* Hey du brauchst nicht so zu tun als wenn du super schlau wärst und lesen könntest. (IOD)

Girl: *schaut mich mit großen Augen und leicht geschockt an*

Raiser: Ja, äh, genau dich meine ich. Was hast du denn da?

Zur Erläuterung: Am Ende dieses Berichts landen die beiden ProtagonistInnen miteinander im Bett. Ich hätte dem Typen beim ersten Spruch schon mit einem Hardcover-Band die Nase gebrochen. Aber sowas scheint wohl zu ziehen – und ich beweine jede Frau, die auf so einen Bullshit reinfällt.

Nun, diese Pick Up Artist gibt es ja nun schon seit Jahren. Sie haben ihre Foren, ihre YouTube-Videos zur Anleitung, ihre eigenen Bücher (der Titel dieses Textes ist an eine dieser Bibeln angelehnt…) und ihre Seminare. Einer der Herren, die ein solches Seminar anbieten, ist Julien Blanc. Der Name sagte mir bis vor ein paar Tagen nichts, nun wird er weltweit – zurecht – von FeministInnen gehasst. Er tourt durch die Welt und doziert über seine ganz besonders tollen Anmach-Strategien. Dazu gehören unter anderem, Frauen in den Schwitzkasten zu nehmen bzw. ihren Kopf gewaltsam in den Schritt des Mannes zu drücken (WTF?). Weil das ziemlich widerlich und mit Sicherheit nicht konsensuell ist…Aber in einem Video aus Blancs Seminar (siehe Link) lachen die anwesenden Herren unisono drüber – echt witzig sowas, haha. Nun, es gab in Australien eine Petition gegen die Vortragstour des Herrn Blanc. Ihm wurde das Visum entzogen (I Like!). Hotels stornieren die gebuchten Seminarräume. Und die „Kunst“ des Pick Ups erhält endlich einmal flächendeckend eine angemessen negative Aufmerksamkeit. Sexistische Kackscheiße ist das, nix Anderes. Erschreckend, dass es so viele Männer gibt, die viel Geld in die Hand nehmen, um von ihren großen Helden (die sich ihre vielen Frauengeschichten wie Orden ans Revers heften) zu lernen.

Und wieder einmal muss man in Foren lesen, dass es doch noch erlaubt sein sollte, Frauen anzusprechen. Das sei doch nicht sexistisch oder gar gewaltsam. Diese Meinungen kamen schon beim inzwischen allseits bekannten „10 Hours in New York“ Video auf und nerven jetzt erneut (bzw. immer noch). Was soll ich dazu noch sagen? Catcalling ist keine höfliche Anmache. Know the Difference.

Übrigens, was auch ganz amüsant ist: Obwohl es bei Pick Up ja ums Anmachen geht und darum, möglichst viele Frauen gleichzeitig am Start zu haben, um dann dennoch irgendwie in einer Beziehung zu landen, findet sich in den einschlägigen Foren vor allem eins: Unsicherheit. Es wird Rat gesucht bei ganz alltäglichen Liebesproblemen. Da stimmt das Inner Game wohl doch nicht so ganz. Schade aber auch. Da offenbart sich dann, dass viele der Verführungskünstler nicht nur erbärmliche Idioten sind, die Frauen gerne erniedrigen, um damit ihr Ego zu pushen – sondern auch, dass ihre tollen Rezepte, eine Frau rumzukriegen und dann als Freundin zu „halten“, wohl doch nicht so nachahmenswert sind.

Ich, das Mängelwesen

Das ist Julia. Sie ist sehr stolz darauf, den Vulkaniergruß zu beherrschen und wünscht euch allen ein langes und glückliches Leben.

Das ist Julia. Sie ist sehr stolz darauf, den Vulkaniergruß zu beherrschen und wünscht euch allen ein langes und glückliches Leben.

Der Mensch ist ein Mängelwesen – das  hat mal ein schlauer Mensch behauptet. Ich fühle mich von diesem Zitat hervorragend repräsentiert – auch wenn ich weiß, dass Herr Gehlen dies anders gemeint hat. Ich empfinde mich als vortreffliches Mängelwesen, da ich möglicherweise einige Talente habe, aber viele Dinge gar nicht kann.

Der Vulkanier-Gruß: Es mag simpel klingen, aber ich leide darunter: Ich kann keinen Vulkanier-Gruß machen bzw. gelingt er mir nur, wenn ich mir den Ring- und den kleinen Finger mit einem Gummiband zusammenbinde. Ich frage immer wieder Menschen, ob sie den Gruß beherrschen – und ja, sie können es meist. Ich leide wohl unter einer Anomalie, dass mir es nicht gelingen will. Gleiches gilt für mit den Ohren wackeln, Zungenröllchen oder Nur-eine-Augenbraue-Hochziehen. Alles Skills, die oberflächlich gesehen vielleicht sinnlos sind, aber wenn man die Einzige ist, die Ring- und Mittelfinger nicht voneinander trennen kann, dann grenzt das ganz schön aus!

Ich würde außerdem so gerne coole Hobbies haben, Skateboard fahren oder so. Wenigstens Fußball spielen. Aber nein, ich kann zwar ein paar Monstertricks bei Tony Hawk (durch Random-Knöpfe betätigen, ich kann mir natürlich nicht merken, welche Tasten man wie zu drücken hat…) und Fußball beherrsche ich in der Theorie auch ganz gut – nur praktisch gelernt habe ich es nicht. Und jetzt, als „Erwachsene“, habe ich Angst davor, es zu lernen. Ich könnte fallen und mir wehtun. Menschen könnten mich bei meinen kläglichen Versuchen sehen und mich auslachen!

Dass ich nicht kochen kann, ist meinen treuen LeserInnen vermutlich längst bekannt. Es ist wahrscheinlich nicht mal so schwer, aber ich habe zum Einen offensichtlich keinen Sinn für Feinschmecker-Küche und zum Anderen keinen Plan von Ästhetik – schön anrichten? Wozu? Mit mehr als zwei Kochplatten komme ich außerdem eh nicht klar. Das reicht für rudimentärste Speisen, mehr aber auch nicht. Muss reichen.

Meine motorische Unfähigkeit sorgte auch dafür, dass ich das Schuhe binden erst nach der Einschulung erlernte (glaube ich zumindest). Ich kann immer noch keine schönen Schleifen binden, meine Schuhe gehen ständig auf oder verknoten sich für die Unendlichkeit. Ein Hoch auf Klettverschlüsse und Slip-ons!

Ich kann nicht singen, tue es aber gerne. Ich beneide meinen kleinsten Freund darum, dass er immer auf der Stelle einschläft – kann ich nämlich auch nicht. Ich bin schlecht darin, meine Gedanken beim Sprechen so zu bündeln, dass das Gesagte irgendwie schlau klingt. Geduld liegt mir fern. Ich kann keine Löcher in Wände bohren. Ich habe noch nie einen Rasen gemäht oder eine Platte aufgelegt. Ich bin schlecht darin, früh aufzustehen und den Tag zu nutzen. Wenn ich mir Kontaktlinsen einsetze, brennen meine Augen wie Feuer. Generell tue ich mir schwer, mein Gesicht korrekt zu bemalen, da ich das mit den spiegelverkehrten Bewegungen noch nicht so raus habe. Ich habe das Talent, beim Rasieren immer Stellen zu vergessen.

Mir gelingt es selten, Smalltalk zu halten, ich mache dann Komplimente, die irgendwie als Beleidigung aufgefasst werden. Multitasking? Now way – ich kann nur telefonieren, wenn ich irgendwohin unterwegs bin. Zuhause ist es mir unmöglich und generell schaffe ich es kaum, fremde Menschen anzurufen. Ich kann keine Filme gucken, ich schlafe meist ein, auch im Kino. Ich bin unfähig, mich modisch oder dem Anlass entsprechend zu kleiden. Es fällt mir schwer, mich längere Zeit auf eine Sache zu konzentrieren, dann muss ich mich ablenken und vergesse bisweilen sogar, was ich vorher gemacht habe.

Diese Liste ließe sich vermutlich noch endlos weiterführen mit Dingen, für die ich schlicht kein Talent habe. Irgendwie schaffe ich es aber doch durch’s Leben – mehr oder minder erfolgreich. Vielleicht bin ich ja auch nicht die Einzige, die verdammt viele Dinge einfach nicht kann, nur über’s Scheitern redet man nie, oder?