… und darum zünd‘ ich dein Radio an…

Ich höre kein Radio, nie. Ich besitze nicht einmal ein Gerät, welches Radiowellen empfangen könnte und selbst wenn – lieber darbe ich in absoluter Stille, als mich dem immer gleichen Mist hinzugeben, der heutzutage von den allermeisten Sendern durch den Äther geschickt wird – scheißegal, ob Privatsender oder öffentlich-rechtlich (Ausnahmen bestätigen natürlich die Regel).

Es lässt sich jedoch nicht immer vermeiden, Radio zu hören, bei langen Autofahrten zum Beispiel. Und was dabei auffällt: Quer durchs ganze Land – die „populären“ Sender klingen überall haargenau gleich. Die gleichen Claims, die gleichen weichgespülten und unwitzigen ModeratorInnen, alle mit alberner Morningshow, eingekaufter „Comedy“ und – natürlich – der allerweltbesten Musikauswahl, dem zuverlässigsten, schnellsten, umfangreichsten Blitzerreport und den frühesten Nachrichten. Kein Superlativ ist den Radioschaffenden von heute zu blöd, um den eigenen Sender aus der Masse des Immergleichen hervorzuheben. Dumm nur, dass ALLE Sender die besten sind, die abwechslungsreichste Musik spielen und damit werben, es am längsten ohne Werbung oder sinnlosem Gequatsche zwischen den Songs auszuhalten. Es ist auch echt eine unfassbare Leistung, mal zehn Minuten am Stück das zu tun, wofür Menschen einschalten…

Und egal wo man ist – es gibt dämliche Gewinnspiele mit nicht zu erratenden Geräuschen oder Nummern auf Geldscheinen und Morning-Show-ModeratorInnen führen unwitzige Wettbewerbe der Geschlechter durch. Regionale Besonderheiten? Fehlanzeige. Die ModeratorInnen klingen alle haargenau gleich, akzent- und dialektfrei, absolut beliebig und austauschbar. Welchen Sender man hört, ist nur am Jingle zu erkennen, der Gott sei Dank alle paar Minuten blökend verkündet wird. Und die abwechslungsreiche Musik besteht aus dem bis zum Erbrechen wiederholten Abspielen aktueller Hits („Ein Hoch auf Uns“ ist wahrlich ein Brechmittel) und einiger Songs, die auch nur im Radio als Klassiker gelten – meine Definition von „Abwechslung“ lautet irgendwie anders. Ausnahmen sind diese Intellektuellen-Sender wie Deutschlandfunk und Konsorten, nur da frag ich mich, wer eigentlich je entschieden hat, dass Menschen mit Anspruch auf gut gemachtes Radio immer nur Jazz und Klassik hören möchten?

Wieso, liebe Radio-Redaktionen dieses Landes, macht ihr alle das Gleiche? Gibt es wirklich keinen Markt, keine Nische für innovatives Radio mit nicht ganz so sackdämlichen Moderationen und der immer gleichen Musik? Wieso bezahlt mensch eigentlich GEZ, wenn die allermeisten öffentlich-rechtlichen Sender den gleichen Driss spielen wie die Privaten (nur mit etwas weniger Werbung)? Es kann doch nicht sein, dass Millionen Menschen im Auto, beim Arbeiten oder zuhause wirklich diesen Scheiß hören möchten. Bitte, liebe Menschen da draußen, sagt mir, dass ich nicht alleine bin.

 

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8 Gedanken zu “… und darum zünd‘ ich dein Radio an…

  1. komisch, das thema “ seelische grausamkeiten. heute: das radioprogramm“ fällt in letzter zeit öfter ins visier der kritiker. keine ahnung, ob es tatsächlich immer beschissener wird oder die vermeintliche häufung meiner selektiven wahrnehmung entspringt *g jedenfalls ist deine kritik absolut berechtigt und ich unterschreibe deinen beitrag sofort. trotzdem gibt es aber (tatsächlich) noch jede menge (mehr) menschen, die diese art von „unterhaltung“ als seichte untermalung ihres alltags sehen, entsprechend toll finden und nebenbei auch noch informiert werden: über blitzer, über z-promis, den umgefallenen sack reis in china, der jetzt geheiratet hat usw. kurzum: dinge, die man wirklich wissen muß. das drumherum wie nervige jingles, hysterisch kreischende frauen und männer, die immer wieder beteuern, dass SHIT FM ihr lieblingssender ist, wird dabei irgendwie ignoriert/rausgefiltert. ich hingegen tick schon nach gefühlten zwei sekunden aus. irgendwie beneide ich die entsprechenden mitmenschen (nicht nur) um ihre leidensfähigkeit (oder sollte ich besser „abgestumpftheit“ schreiben?).

    ich bin jedenfalls auch ganz gespannt auf die nackte wahrheit, hoffentlich läßt uns natalie s. nicht dumm sterben *g

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  2. Ich finde es genial , das du dir darüber Gedanken machst, so wie ich,
    und das nicht alles was heutzutage als ’norm‘ angesehen wird auch so sein muss. Ich selbst stelle auch so einiges in Frage…

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  3. Grundlegend stimmt das. Allerdings zieht mein Arbeitgeber – ein öffentlich-rechtlicher Sender – seine Berechtigung auch daraus Programm für die Masse anzubieten. Dafür erhebt er unablässig Datenberge, die ihm sagen, wie Frau Mustermann ihr Radioprogramm gerne hätte. Das mag unschön klingen, es ist momentan aber der einzig gangbare Weg dem Druck zu begegnen, dem ö-r-Sender ausgesetzt sind.

    Darüber hinaus betreibt er ein reines, mit zumeist klassischer Musik untermaltes Kulturprogramm, ähnlich wie in deinem Text beschrieben. Dazu existiert ein Infoprogramm, das sich am Abend in ein phantastisches Musikprogramm verwandelt – alle möglichen Genres, Autoren-Sendungen, Konzert-Mitschnitte; von dem auch viel in den rein musikjournalistischen Webkanal übernommen wird. Weiter finanziert der Sender ein Programm, das eine Art Best-Of aus Lokaljournalismus, dem Blick in die Welt, Kulturprogramm und guter, unaufdringlicher Musik ist. Außerdem gibt es eine Jugendwelle.

    All diese Spartenprogramme leistet sich mein Sender trotz teilweise unterirdischer Quoten, bei relativ hohen Kosten: Das alles für ein paar lobende Worte im Feuilleton und weil ein ö-r-Sender eben auch Programm für Randgruppen machen soll. Dieses Randprogramm ist so vielfältig, dass mir niemand erklären kann darin nichts passendes zu finden. Aber ist das ein Markt? Hell no: Da zahlt man drauf! Getragen wird die Anstalt aber von den fünf Mainstream-Programmen, die bei weitem (!) mehr Menschen hören. Und ja, ich kann mir vieles davon auch nicht antun. Aber das muss ich ja auch nicht: Ich habe ja die Spartenprogramme.

    Anschlußfragen: Werden Web-Angebote das klassische Radio ohnehin bald killen? (Ich kann in dem Rahmen immer wieder Byte.fm empfehlen) Sind viele Radiomacher – ö-r, privat, mainsteam, nische hin oder her – trotzdem viel zu mutlos? Möglich.

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