Tue Gutes und rede darüber…

Dieser Tage kann man sich ja kaum retten vor Videos auf Social Media Timelines, in welchen sich Menschen auf mehr oder minder kreative Weise eiskaltes Wasser überschütten (lassen). Inzwischen dürften sogar Menschen ohne Internetzugang oder Fernsehen mitbekommen haben, worum es in der ALS Ice Bucket Challenge geht – ich habe persönlich noch kein derart populäres Internet-Phänomen wahrgenommen.

Nun, wie kritisiert man eine Aktion angemessen, die sich Wohltätigkeit zum obersten Ziel gesetzt hat? Eine schwierige Frage, denn Krankheiten sichtbar zu machen, die in der öffentlichen Wahrnehmung so gut wie nicht stattfinden (obwohl ein Mensch wie Stephen Hawking wohl in aller Gedächtnis sein dürfte), erachte ich als unglaublich wichtig und auch gut. Dass für die Erforschung solcher Krankheiten gespendet wird, kann ich ebenso wenig verachtens wert finden. Was mir jedoch unsagbar auf den Senkel geht, ist die mit dieser Challenge verbundene Öffentlichkeits-Geilheit, die viele der Nominierten an den Tag zu legen scheinen.

Ich habe den Eindruck, dass manche Menschen – ob „Promis“ oder nicht – nur darauf gewartet haben, endlich nominiert zu werden. Da geht es nicht mehr drum, sich für ALS und davon Betroffene einzusetzen (das könnte man ja auch ohne Challenge tun), sondern darum, dazuzugehören. Teil dieses Phänomens zu sein neben Menschen wie Bill Gates, Charlie Sheen oder ungefähr jedem deutschen Fußballer und allen anderen B-Z Prominenten dieses Landes. Yeah, einmal Eiswasser schütten und ihr gehört zum Club, echt cool. Ich wüsste gerne, wieviele nach dem Posten des Videos dran gedacht haben, ihre Spende abzuschicken.

Würde ich morgen auf die Straße gehen und die Menschen dort fragen, ob sie die Ice Bucket Challenge kennen – ich würde sicher viele positive Antworten kriegen. Wenn ich sie frage, wieso sich Menschen Eiswasser überkippen lassen, erwarte ich weit weniger Wissen – die Eiswürfel sorgen aber auch für anständigen Hirnfrost! Nur allzu selten wird überhaupt noch erwähnt, worum es geht, dass gespendet werden soll und vor allem wo man das tun kann. Es gruselt mich selbst, wenn ich das Statement von einem Unmenschen wie Mario Barth zum Thema als möglicherweise sinnvollsten Beitrag einer in der Öffentlichkeit stehenden Person werten muss.

Aber: ALS ist nicht die einzige Krankheit, die keine oder nur eine kleine Lobby hat, aus welchen Gründen auch immer. Es ist eine gute Sache, wenn die Forschung in diesem Bereich aufgrund der hohen Spendensummen nun vorangetrieben werden kann, aber man sollte nicht andere Erkrankungen vergessen, die als unheilbar gelten – zumindest derzeit noch – und deren weitere Erforschung allen Betroffenen zugute kommen könnte. Man kann nicht für jede dieser Krankheiten eine weitere Challenge starten, das würde sehr schnell wohl zu Abnutzungseffekten führen. Aber die Sozialen Netzwerke nutzen, um darauf aufmerksam zu machen, das kann man. Gut sogar. Daher nominiere ich alle, die dies hier lesen, sich mal kundig zu machen, wo Engagement (nicht nur monetärer Art) sinnvoll ist. Das geht auch im Stillen, dazu muss man sich nicht profilieren, wirklich wahr!

Übrigens hat Sir Patrick Stewart die Challenge offiziell beendet. Ihr könnt jetzt aufhören.

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2 Gedanken zu “Tue Gutes und rede darüber…

  1. 100 Punkte von mir. Besser hätte ich es auch nicht sagen können.
    Eigentlich war es angedacht, dass jeder „Nein“-Sager 100 Dollar spendet. Was ist daraus geworden? Jeder Möchtegern oder Versuchspromi überschüttet sich mit eiswasser und macht auf supercool. Ich wette, nicht mal 10% der Leute haben überhaupt einen einzigen Dollar / Euro gespendet.

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  2. Pingback: Unpolitisch? | 50 Shades of Hate

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