Mich friert…

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Quelle: filousophieshop.de

Die WM ist rum, Zeit für wichtige Themen! Just eben fand ich auf meiner Facebook Chronik den Link zu einer Kolumne von Jan Fleischhauer, in welcher er sich mit der nun für Frauen möglich gewordenen Methode, sich Eizellen entnehmen zu lassen und „für später“ einzufrieren, auseinandersetzt. Das nennt man tatsächlich „Social Freezing“! Diese Möglichkeit wird von ihm als feministisch verklärt, weil frau nun selbst bestimmen könne, wann sie schwanger werde (als ob sie das vorher noch nicht gekonnt hat, abgesehen davon, dass der zeitliche Rahmen begrenzter war) und so vom biologischen Zwang, dies vor der Menopause zu erledigen, befreit sei.

Fleischhauer schreibt am Ende seines Textes:

Der Feminismus hat sich die Befreiung der Frau durch die Kulturwissenschaft erhofft. Weil seine Vertreterinnen die Biologie als Kränkung empfanden, erklärten sie die Geschlechterunterschiede zu einer Frage sozialer Praxis. Was kulturell determiniert ist, lässt sich auch durch eine Aufhebung der Gewohnheiten ändern, das war die frohe Botschaft. So gesehen ist es eine schöne Pointe, dass die nächste Stufe in der Befreiung der Frau aus dem Labor kommt. In Wahrheit ist Biologie stärker als jede Ideologie, wie sich zeigt.

Das mögen salbungsvolle Worte sein, nur klingen sie (leider?) größer als sie sind. Denn: Jan Fleischhauer hat nichts begriffen. Er denkt, dass „die“ Feministinnen (die ja für Medienmenschen, Basher und andere ohnehin eine homogene Masse darzustellen scheinen) die Biologie als Feind sehen, den es mittels sozialer Praxis zu überwinden gelte. Diese Logik ist banal und geht so meilenweit an der Realität vieler Jahrzehnte an feministischer bzw. Genderforschung vorbei, dass es mich schmerzt. Fleischhauer spielt hier wissenschaftliche Disziplinen gegeneinander aus. Das ist eine Vorgehensweise, die insbesondere in der Rhetorik Ewiggestriger immer wieder gerne genutzt wird, aber übersieht, dass der Trend zur Trans- und Interdisziplinarität geht und nicht um die Frage, wer zum Teufel nun Recht hat (immer im Hinterkopf habend, dass überhaupt nur eine Seite Recht haben KANN).

Feministinnen wie mir geht es nicht darum, biologische „Gesetze“ zu umgehen, sondern die auf Biologismen beruhenden Geschlechterverhältnisse zu hinterfragen, zu dekonstruieren und dort, wo sie für Ungerechtigkeiten sorgen, abzuschaffen. Es geht nicht darum, den Mann mithilfe der Reproduktionsmedizin abzuschaffen (was aufgrund der heteronormativen Gesetzgebung auch unmöglich wäre, denn für reproduktionsmedizinische Maßnahmen muss eine (heterosexuelle) feste Partnerschaft vorliegen, just saying). Zu implizieren, man könne damit also biologische „Notwendigkeiten“ umgehen und so die Frau „befreien“, ist vollkommener Blödsinn. Weshalb insbesondere in den Kommentaren unter dem Artikel immer wieder von der Abschaffung des Mannes palavert wird, ist mir daher schleierhaft – denn ein Einfrieren von Eizellen bedeutet ja nicht, dass man die nicht irgendwann mit Hilfe männlicher Spermien befruchten muss. Um das gegenseitige Ausspielen von Männern und Frauen geht es nämlich auch nicht. Um es mit den Worten von Betty Friedan zu sagen: „Men are not the enemy!“ (zumindest nicht alle)

Dieses „Social Freezing“ (dieses Wort bereitet mir Unbehagen) soll also dafür sorgen, dass Frauen mehr Zeit für die Fortpflanzung bekommen und entlastet sie so – vermeintlich – von der Entscheidung zwischen Karriere oder Familie. Vermeintlich deshalb, da auch im fortgeschrittenen Alter eine Entscheidung vonnöten ist, die möglicherweise nicht einfacher zu treffen ist. Was ist daran also feministisch, außer, dass ein größeres Zeitspektrum geschaffen wird?
Meiner Meinung nach gar nichts, denn am strukturellen Problem der nur schweren Vereinbarkeit zwischen Job und Familie ändert Social Freezing nichts. Man würde es schlicht auf eine größere Altersgruppe auslagern, denn Betreuungsprobleme hat man mit 50 wohl genauso wie mit 30 – oder soll die Reproduktion dann gleich aufs Rentenalter mit 67 verschoben werden? Davon mal ganz abgesehen, dass diese überaus kostspielige Methode sich ohnehin nur für einen sehr elitären Kreis an Frauen anbietet, die im jüngeren Alter das nötige Kleingeld haben, um den Eingriff vornehmen zu lassen. Es ist nahezu absurd zu denken, den Anbietern solcher Methoden gehe es um sozialen Wandel. Nee, damit kann richtig Kohle gemacht werden.

Wer profitiert also davon, dass Frauen (noch) später Kinder kriegen können? In erster Linie die Wirtschaft, die nicht zeitweise auf ihre junge Arbeitskraft verzichten muss, die keine flexiblen Arbeitszeitmodelle für ihre jungen Mitarbeiterinnen anbieten muss. Alle können Vollzeit malochen, geiel! Frauen werden durch Social Freezing also zu verlässlicherem Humankapital, mit dem geplant und das ausgebeutet werden kann. Social Freezing kriegt so einen pseudo-feministischen Anstrich verliehen – aber eigentlich stecken dahinter neoliberale Interessen, die sich (natürlich) nicht um nachhaltige Lösungen gesellschaftlicher Probleme scheren, sondern individuelle Interessen einer kleinen Elite (wohlhabende Karrierefrauen) bedienen.

Und daher, lieber Herr Fleischhauer und liebe andere Menschen, die Social Freezing als feministisch verklären: Get your facts straight! Alice Schwarzer ist nicht DIE Feministin. Feminismus ist nicht Männerhass. Und nicht alles, was den bzw. die Einzelne noch besser wirtschaftlich verwertbar macht, ist auch gut, wünschenswert oder gar politisch progressiv!

Eine Frage noch zum Abschluss: Wo kann ich eigentlich „Social Freezing“ als Unwort des Jahres vorschlagen?

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4 Gedanken zu “Mich friert…

  1. „Social Freezing“ klingt für mich ja auch irgendwie total abwertend nach Kaffeekränzchen. „Komm, wir treffen uns zu lecker Kuchen und Eiereinfrieren!“. Blargh.

    Zu Herrn Fleischhauer erst mal ein Disclaimer: Ich lese seine Beiträge nicht, auch wenn ich generell der Meinung „Know thy enemy“ bin, hier gilt: „Know thy blood pressure“. Aber wird in dem Artikel irgendwo thematisiert, dass Männer schon seit Jahren ihren Samen ohne jegliche weitere Verantwortung einfrieren und in Umlauf bringen können und dafür sogar Geld kriegen? Ja, okay – das ermöglicht Frauen mit Kinderwunsch, ein Kind ohne vermeintlich dazugehörige Beziehung zu kriegen. Aber eine Frau, die eine Samenspende in Anspruch nimmt, muss sich dafür wiederum rechtfertigen. Und natürlich bezahlen. Dito beim Eiereinfrieren. Sprich: Die finanziellen (und damit in unserer Gesellschaft auch die Macht-) Verhältnisse sind mal wieder massiv unterschiedlich.

    Was das eigentliche Begehren nach Kinderkriegen in einem bestimmten Alter angeht, hier mal ein fun fact: Ab 35 gilt man als „Spätgebärende“ und damit als Risikoschwangere. Fünf. Und. Dreißig. Das mag medizinisch halbwegs gerechtfertigt sein, kann ich nicht beurteilen. Aber gesellschaftlich? Kein Schwein interessiert es, wenn ein Mann mit 50 Vater wird. Weil er es halt kann. Die Natur hat es nun mal so vorgesehen, nicht wahr? Wie praktisch. Hätte die Natur es anders gemacht, würde man selbstverständlich nie darauf kommen, den männlichen Samen einzufrieren und … ach, Moment. Da war ich ja schon.

    Und Unwort des Jahres vorschlagen geht hier: http://www.unwortdesjahres.net 😉

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  2. Ich habe neulich erst mit einer Freundin über diese Möglichkeit des Eizelleneinfrierens geredet. Als Singles und Akademikerinnen die auf die Ende 30 zugehen, erschien uns der Gedanke, die noch genetisch guten Eizellen einzufrieren und dann eben zum Beispiel ab 35 zu verwenden, als reizvoll, da man dadurch ja frischere Eizellen verwenden kann und theoretisch zumindest nicht als Risikoschwangere per se gelten sollte. Dabei sei noch zu erwähnen, dass nicht nur die Entnahme (von einer massiven Hormonbehandlung begleitet) Geld kostet, sondern auch die Miete der Eizellenbank! Vielleicht werden die Eizellen ja auch trotzdem durch das einfrieren geschädigt, keine Ahnung, jedenfalls war der Gedanke reizvoll, nicht um in der Menopause schwanger zu werden, sondern Risiken durch „zu alte Eizellen“ zu umgehen.
    Eine Lösung ist es trotzdem keinesfalls. Es muss einfach möglich sein, egal wann, Mutter (und Vater) zu werden und trotzdem sich in Job und Gesellschaft verwirklichen zu können. Egal wie jung. Egal wie alt?

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  3. Pingback: Wie man Google richtig nutzt, oder: Immer wieder Helene | 50 Shades of Hate

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