Vom Wissenschaftsprekariat

Quelle: taz.de

Quelle: taz.de

Wie meinen aufmerksamen LeserInnen nicht entgangen sein dürfte, arbeite ich in der Wissenschaft. Ein Job, der manchmal ganz großartig sein kann (man ist flexibel in der Arbeitszeitgestaltung und bisweilen auch bei der Wahl des Arbeitsortes, die Lehre macht Spaß etc. etc.), aber schlicht und ergreifend durch und durch prekär ist. Irgendein schlauer Mensch hat einmal gesagt, dass postmoderne Gesellschaften sich durch eine „projektförmige“ Lebensgestaltung auszeichnen und nirgendwo trifft das wohl besser zu als im akademischen Betrieb.

Wissenschaftliche MitarbeiterInnen in jenen Disziplinen, die für die Wirtschaft bzw. Industrie wenig interessant sind (also Sozial- und Geisteswissenschaften in erster Linie), werden in der Regel nur Teilzeit beschäftigt. Oftmals werden hierfür verschiedene Viertel-Stellen zusammengeschustert, die durch Lehrstuhl- oder Drittmittel irgendwie finanziert werden. Diese Stellen sind grundsätzlich befristet – wenn man „Glück“ hat, auf drei Jahre mit einer Option auf Verlängerung – sofern denn die nötigen Gelder dafür vorhanden sind. Wenn man allerdings „nur“ in Forschungsprojekten landet, kann die Beschäftigungsdauer kürzer ausfallen – mitunter erhält man Verträge für lediglich drei Monate und es ist ungewiss, wie es danach weitergeht. Neben der wissenschaftlichen Forschungstätigkeit ist man nicht selten mit Administrations- und Sekretariatstätigkeiten betraut, arbeitet dem oder der Vorgesetzten zu, bereitet die eigene Lehre vor und nach, nimmt an Besprechungen teil und und und. Vor der Promotion dürfen wissenschaftliche MitarbeiterInnen allerdings überhaupt nur sechs Jahre an einer (deutschen) Universität beschäftigt werden, was bedeutet, dass man meist über den vertraglich vereinbarten Anteil an Arbeitsstunden hinaus arbeiten muss, um forschungstechnisch vorwärts zu kommen. Das Absurde ist dabei, dass innerhalb des Wissenschaftsbetriebs Ausbeutungsphänomene in der freien Wirtschaft kritisiert werden, man aber selbst die Bereitschaft aufbringen muss, abends länger und auch an den Wochenenden zu arbeiten. Denn Wissenschaft ist ja ein Neigungsberuf und dient nicht nur dem Broterwerb, ganz klar.

Man weiß außerdem nie genau, was nach dem Ende des aktuellen Arbeitsvertrags kommt – selbst wenn konkret geplant ist, diesen zu verlängern, kommt das tatsächliche OK der zuständigen Verwaltungsmenschen an der Uni so kurzfristig wie möglich. In meinem Fall war dies am Tag, an dem mein Arbeitsvertrag endete und ich bereits Post von meiner Krankenversicherung erhalten hatte, dass ich lt. meinem Arbeitgeber nicht länger dort beschäftigt sei (wenn man sowas nach einem Wochenende in der Post findet, reagiert man erstmal einigermaßen panisch, nicht schön!). Gut, dieses Unsicherheitsgefühl kann ich gerade noch ertragen, wenn ich weiß, dass das mit dem Arbeitsvertrag noch rechtzeitig klappt.

Allerdings bedeutet eine rechtzeitige Vertragsunterzeichnung noch lange nicht, dass man für die getane Arbeit auch entlohnt wird. Dafür verantwortlich ist wohl die am schwersten zu erreichende Institution des Universums – das Landesamt für Besoldung und Versorgung (LBV). Die Menschen dort scheinen derart viel zu arbeiten, dass man sie weder telefonisch noch per E-Mail erreichen kann. Was genau dort gemacht wird, ist mir schleierhaft. Effektiv und zeitnah wird dort jedenfalls nicht vorgegangen, denn schon bei Ersteinstellung wurde mir mitgeteilt, ich könne nicht mit einer Gehaltszahlung zum Monatsende rechnen, da das zuständige LBV Bearbeitungsrückstände habe. Ich solle doch auf Rücklagen (nach Arbeitssuche und Umzug) bzw. meine Eltern (weil jede(r) AkademikerIn bekanntlich wohlhabende Eltern hat) zurückgreifen. Ganz schön frech. Vermutlich reagiert man beim LBV nicht auf Anrufe oder Mails, weil diese überwiegend von empörten Menschen kommen. Nachvollziehbar wär’s ja.

Das ist hier alles vermutlich Jammern auf recht hohem Niveau. Es gibt viele viele Jobs, die schlechter bezahlt sind, bei denen man körperlich härter arbeiten muss und von der Chefetage gegängelt wird. Dennoch belastet mich die Unsicherheit dieses Jobs und auch die Erwartung, mehr zu geben als die Arbeitszeit, die mir bezahlt wird. Diese Effekte sind in jeder Branche scheiße und nein – Spaß an der Arbeit rechtfertigt nicht, dass man diese unbezahlt tut.

 

 

Advertisements

2 Gedanken zu “Vom Wissenschaftsprekariat

  1. Meine Rede. Meine Rede. Halbe Stelle, ganze Arbeit, miese Bezahlung und von allen Seiten nur „Man, hast Du es gut! Du kannst an der Uni bleiben, darfst promovieren… Sei doch mal lieber dankbar… Die Möglichkeit hat nicht jede_r“. – Mag ja alles sein! Aber ich arbeite ja dafür auch. Wieso muss ich dann dankbar sein und die Klappe halten, und kann nicht auch mal laut sagen, dass die Bedingungen an der Uni – langfristig – echt nicht zumutbar sind.

    Danke für Deinen Beitrag 🙂 Gefällt und wird mal direkt in ein Abo umgewandelt!
    Viele Grüße.

    Gefällt mir

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s