Lieber Franz Josef Wagner,

Fotografin: Me Chutai <3

Fotografin: Me Chutai ❤

Sie kriegen sicher häufig Briefe wie diesen, so fleißig, wie sie selbst tagtäglich im Lieblingskäseblatt der Deutschen ihre mahnenden oder auch unterstützenden Worte in die Welt hinaussenden, auch wenn eigentlich niemanden interessiert, was sie zu sagen haben (oder zu sagen haben müssen, damit die BILD was zum Abdrucken hat)… Sie tun es trotzdem und Sie bekommen Geld dafür, was mich einigermaßen neidisch macht, denn ich würde auch gerne dafür bezahlt werden, meine (populistische) Meinung in Kurzsätzen aufs Papier zu bringen und damit den Onkel (bzw. im meinem Fall die Tante) der Nation zu spielen. Vermutlich gelänge es mir nicht, denn so kurz kann ich mich nicht fassen, und für Springer würde ich ums Verrecken nicht schreiben wollen, aber es geht hier ums Prinzip.

Es ist ja auch nichts Neues, dass sie den moralinsauren Mahner geben, der an das Gewissen jener Menschen appelliert, die aufgrund ihrer Verfehlungen am Pranger der Öffentlichkeit (meist in Form Ihres Arbeitgebers) stehen. Wikipedia bezeichnet sie als „Boulevard-Journalist“, vermutlich auch deshalb, weil es die Berufsbezeichnung „Stammtischprediger“ noch nicht gibt. Im Lexikon zu diesem Begriff würde ihr (maximal pixeliges) Bild stehen, keine Frage.

Nun, wieso rege ich mich aktuell auf? Eigentlich ist ja auch jedes verlorene Wort über Sie zuviel. Der Anlass ist ein aktueller, der zumindest den fußballinteressierten Teil dieser Nation in Aufregung versetzt hat: Das jüngst ausgetragene DFB-Pokal-Finale zwischen Borussia Dortmund und Bayern München, welches von Letztgenannten in der Verlängerung gewonnen wurde. Diese hätte es womöglich nicht gegeben, hätten sie ein Tor von Borussia Dortmund als solches anerkannt. Allerdings war dies für das bloße, nicht von Zeitlupen und Multi-Perspektiven unterstützen Auge des Schiedsrichters Florian Mayer, der zudem nicht auf Höhe der Torlinie stand, nicht so einfach ersichtlich (für die Millionen BundestrainerInnen da draußen schon, die haben nämlich Zoom und Standbild und xfache Wiederholung, aber meine Güte, man kann es auch zu Tode diskutieren).

Solche Fehler passieren. Es werden Fouls übersehen oder als Schwalben gewertet. Es wurden schon Tore als solche nicht anerkannt, bei denen der Ball weitaus deutlicher hinter der Linie war (man erinnere an das Spiel Deutschland gegen England 2010, da hat sich hierzulande auch niemand beschwert..) und nicht erst seit Samstag tobt diese nervige Diskussion um Torlinienkameras oder sonstige Technik, die solch strittigen Situationen aufklären soll. Darum soll es hier aber eigentlich nicht gehen.

Was mich an Ihrem Brief, Herr Wagner, besonders enerviert, ist ihre Moralkeule, die dem Schiedsrichter mutwilliges Verhalten beim Nichtanerkennen des Tores unterstellt. Sie machen Herrn Mayer verantwortlich für die Tränen der zigtausend enttäuschten BVB-Fans, denen das Tor und damit der Pokalsieg (letzteres ist hypothetisch) verwehrt wurde. Ihre Wortwahl („Ich weiß nicht, wie Ihnen heute Ihre Brötchen in Braunschweig schmecken.“) könnte die LeserInnen fast glauben lassen, Florian Mayer hätte einen Menschen getötet oder eine andere schwerwiegende Straftat begangen. Mutwillig natürlich, oder mindestens fahrlässig! Nun weint ganz Dortmund und ein Braunschweiger Schiedsrichter ist schuld, ganz allein! Hoffentlich kann er das mit seinem Gewissen vereinbaren, er wird sicher nie wieder gut schlafen können, denn er ist der erste und einzige Schiedsrichter, dem solch ein Fehler JEMALS unterlaufen ist. An den Pranger mit ihm!

Ähnliche Rhetorik benutzen Sie übrigens, um das Verhalten der türkischen Regierung zu kommentieren oder die Entführung nigerianischer SchülerInnen. Fällt Ihnen was auf? Haben Sie schon mal was von Verhältnismäßigkeit gehört oder einfach mal darüber gedacht, welche Wortwahl in welchem Fall angemessen ist?  Ist natürlich nicht so reißerisch, wenn man keine Bilder von einer in einem gelb-schwarzen Tränenmeer versinkenden Stadt zeichnet, um zu suggerieren, es sei etwas WIRKLICH Tragisches passiert. Scheiße ist es trotzdem.

Herzlichst,

Ihre Lena

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