[Insert lahmes Worstpiel mit Wurst here]

Quelle: salzburg.com

Quelle: salzburg.com

Gestern ging eines meiner favorisierten Fernsehereignisse über den Bildschirm – der Eurovision Song Contest. Diesen verfolge ich seit Jahren mit Inbrunst und wenn es mich manchmal überkommt, beriesele ich mich mit alten Videos von Nicoles „Ein bisschen Frieden“, dem grandiosen Auftritt von Dschingis Khan und anderen Grand-Prix-Perlen, großartig.

Nun gewann gestern Conchita Wurst – die mir als alte Österreich-Veteranin bereits seit ihren Auftritten in „Die große Chance“ beim ORF 2011 bekannt ist, weshalb ich selbst ihren Auftritt auch nicht mehr als ganz so progressiv empfinde wie viele andere (vor allem angesichts dessen, dass sie im Sommer in einer dieser schrecklich kolonialistischen und sexistischen Trash-Sendungen mitwirkte, in welcher sie samt einer Horde silikongeplustertet und stark blondierter Hühner nach Afrika reiste…). Musikalisch sagten mir auch andere Lieder mehr zu, aber es könnte wahrlich schlechtere Siegerinnen als Conchita Wurst geben – und gerade für ein Land wie Österreich, welches sich politisch leider rückwärts zu bewegen scheint, sowie für die Queer-Community halte ich die Popularität einer solchen Person für überaus wichtig.

Ich kann mit dem Ergebnis dieser Veranstaltung – meine FavoritInnen aus den Niederlanden erreichten Platz 2 – also überaus gut leben. Hätte ich bloß nicht die Kommentarspalten verschiedenster Nachrichten- und Gossip-Seiten gelesen, in welchen sich mal wieder der Abschaum dieser Nation (und des Nachbarlandes) nicht entblödet, seinen unqualifizierten und tumben Senf abzugeben. Für diese Menschen folgt hier eine kurze Erklärung, was Conchita Wurst ist, und was nicht:

Conchita Wurst ist eine Drag Queen – das bedeutet, ein Mann impersoniert auf übertriebene und humoristische Art eine Frau, indem er weibliche, oft extravagante Kleidung und Make Up trägt und auch stereotype Verhaltensweisen imitiert. Sowas ist nicht neu, das hatten wir schon früher mit Mary & Gordy und spätestens der aufklärende Dialog zwischen Olivia Jones und Joey Heindle im Dschungelcamp sollte die letzten Unwissenden aufgeklärt haben, dass Drag Queens durchaus noch einen Penis haben und privat durchaus auch als Männer leben. Es handelt sich keineswegs um inter- oder transsexuelle Menschen, drag ist eine Form der Inszenierung und Conchita Wurst eine Kunstfigur. Man muss sie daher auch nicht als „es“ bezeichnen, wie es diese grausige, mir unbekannte Vertreterin der deuschen Jury gestern tat.

Was an Conchita nun neu ist, ist dieser Bart, der gleichermaßen faszinierend wie verwirrend zu sein scheint. Da steht eine wunderschöne Frau mit einem pechschwarzen Gesichtsbehang auf der Bühne und intoniert einen Song, der wohl nicht zufällig an Golden Eye und ähnliche Machwerke aus Bond-Filmen erinnert und der eine Teil Europas ist aus dem Häuschen, während sich andere Menschen über diese „Kreatur“ empören, die da vom ORF auf die Menschheit losgelassen wurde. Es wird von einer Freakshow gesprochen und dass es ja gar nicht mehr um die Musik gehe. Nächstes Mal könne man ja dann einen schwarzen Rollstuhllfahrer wild masturbierend auf die Bühne schicken, um dem ganzen die Krone aufzusetzen (diese Aussage habe ich sinngemäß einem dieser Kommentare entnommen). Eine späte Erkenntnis, dass beim ESC die Songs durchaus vernachlässigbar sind und auch die Inszenierung eine Rolle spielt. Wenn eine Frau mit Bart das eigene Weltbild ins Wanken bringt, dann ist das natürlich besonders dramatisch. Es darf schließlich nicht sein, was nicht sein darf!

Aus diesem Grund riefen Gruppen aus Weißrussland im Vorfeld dazu auf, Conchita Wurst vom Wettbewerb auszuschließen. Aus Russland , dessen Teilnehmerinnen während des Wettbewerbs wohl aufgrund der vielfältigen fragwürdigen Umtriebe ihrer Regierung ausgebuht wurden, folgten ähnliche Schmähungen. Ein rechts-nationalistischer Abgeordneter äußerte sich, Russland habe die Besatzung Österreichs nie aufgeben dürfen und rief sogleich das Ende Europas aus. In eine ähnliche Kerbe schlug Vizepremierminister Dmitrij Rogosin, der das „Mädchen mit Bart“ als Ergebnis einer fehlgeleiteten europäischen Integration bezeichnete. Solche Äußerungen aus einem Land, in welchen die offene Ausübung von Homosexualität unter Strafe steht, wundern eigentlich nicht. Umso erfrischender ist, dass diese ewiggestrigen Kommentare ganz offensichtlich nicht die Meinung der ganzen russischen Nation widerspiegeln: Bei der Punktevergabe erhielt Conchita Wurst aus Russland 5 Punkte – ohne den Einfluss der sogenannten ExpertInnenjury hätte Österreich sogar 8 Punkte von den russischen AnruferInnen erhalten. Und während die weißrussische Jury wohl „von oben“ her die Eingabe zu haben schien, den österreichischen Beitrag abzustrafen (sie setzte diesen auf Rang 24 von 26), so setzten auch dort die AnruferInnen Conchita Wurst auf einen achtbaren vierten Platz, der im Mittel jedoch keine Punkte brachte. So konservativ, wie im Vorfeld von vielen eingeschätzt, sind unsere NachbarInnen aus dem Osten Europas augenscheinlich gar nicht.

Und ach – es ist so herrlich, wenn sich Ewiggestrige an einer bärtigen Frau derart aufreiben können. Auch wenn ich selbst noch ein bisschen an dieser in vielen Medien bejubelten neuen Toleranz zweifele – schließlich ist der ESC eine Show mit einem doch als überaus queer zu bezeichnenden Publikum – so liegt mir doch nichts ferner, als nicht zu begrüßen, dass Conchita Wurst europaweit punkten konnte. Ich hoffe doch sehr, dass das von ihr selbst formulierte Anliegen, in Europa für ein bisschen mehr Liebe und Toleranz zu sorgen, auch noch nach der Euphorie dieser Siegesnacht wirken wird und dass sie nicht nur als Frau mit Bart in Erinnerung bleiben wird.

Und bin ich eigentlich die Einzige, die es irgendwie nett findet, dass der Sieg Conchitas kaum als Sieg Österreichs, sondern irgendwie als etwas Supranationales gefeiert wird?

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