Weißt duuuu?

Quelle: rapgenius.com

Quelle: rapgenius.com

Ich muss sagen, ich fühle mich nicht nur wegen meines ausgeprägten Meckertriebs wie eine alte Dame – denn obwohl ich eigentlich der Ansicht bin, das Erwachsenenalter zumindest geistig noch nicht erreicht zu haben, schockiert mich doch bisweilen die „Jugend von heute“. Ist ja immer so, dass man sich über dieses geist- und kulturlose Pack aufregen muss, unsere Eltern und Großeltern können da wohl ein Lied von singen.

Heute war ich in unserer Bundeshauptstadt mit den Öffis unterwegs. Normalerweise habe ich sehr große Kopfhörer auf, mit denen ich mich beschallen lasse, um die Außenwelt bestmöglich auszublenden. So als kurze Randbemerkung übrigens: Trotz Signalfarbe scheine ich derart vertrauenswürdig zu sein, dass Menschen mich grundsätzlich ansprechen, wenn sie den Weg oder die Uhrzeit nicht wissen. Kopfhörer dieses Ausmaßes bedeuten nicht nur, dass ich Musik höre, nein! Sie sind das internationale Zeichen für „Ich möchte dich nicht hören verdammt nochmal und gäbe es eine Möglichkeit, dich nicht sehen zu müssen, du Person mir gegenüber mit den schiefen Zähnen, die gerade ein Duckface-Selfie von sich macht und seltsam zu mutmaßlich schlechter Musik zuckt, dann würde ich diese umgehend wahrnehmen!“

Nun gut. Heute saß ich also in der S-Bahn und belauschte neben mir zwei offenbar noch sehr junge Menschen, die sich augenscheinlich auf eine Party einladen wollten. Entgegen meiner Tendenz, Umweltgeräusche ausblenden zu wollen, packte mich also die Neugier und ich hörte zu. Die beiden Kids schienen neureiche Charlottenburger AbiturientInnen zu sein, deren Kleidungsstil man als mutwillig versifft bezeichnen könnte. Der Knabe, dessen Äußeres sich durch eine wallende Mähne auszeichnete, massierte die zierlichen Füße seiner Begleitung und teilte mit ihr romantischst das in Berlin ja absolut essentielle Wegbier. Und dann diskutierten sie miteinander und ich wollte mir beinah das Trommelfell zerstechen, scheiterte jedoch daran, keinen spitzen Gegenstand dabei zu haben.

Das Vokabular der heutigen Jugend scheint sich klassenübergreifend kaum mehr zu unterscheiden, jedoch spricht der hippe Adoleszente sein „Alter“ und „Digga“ sehr distinguiert und hängt, wohl um der eigenen Aussage Ausdruck zu verleihen, dem ganzen noch ein affektiertes „weißt duuu“ an. Der Begriff „chillen“ scheint universal einsetzbar zu sein und ich habe diesen bis heute nicht verstanden. Was genau tut man eigentlich, wenn man chillt? Gar nichts? Zeichnet sich chillen also durch die absolute Abwesenheit von Handlung aus? Und „chill mal“ als Aufforderung scheint sich in seiner Bedeutung grundsätzlich von der Bitte „Es wäre voll gechillt, wenn du das versuchst, weißt duuuu?“ zu unterscheiden. Ach, das Gespräch ließ mich ratlos zurück und als die beiden jungen Menschen die Bahn verließen, beschäftige mich das Gesagte noch stundenlang und ich fragte mich, ob die sich selbst nicht albern vorkommen, wenn sie so miteinander kommunizieren.

Sprachsoziologisch wäre es sicher unheimlich spannend, tagein tagaus mit der Berliner Ringbahn zu fahren und die Jugend von heute zu belauschen, wie sie akrobatisch zwischen Jugendsprache, Street Credibility und Charlottenburger Schönsprech hin und her springt. Nur bezahlt mir solche Forschung sicher wieder niemand. Weißt duuuu?

Advertisements

Ein Gedanke zu “Weißt duuuu?

  1. Pingback: I can’t hear ya! | 50 Shades of Hate

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s