Vom Wissenschaftsprekariat

Quelle: taz.de

Quelle: taz.de

Wie meinen aufmerksamen LeserInnen nicht entgangen sein dürfte, arbeite ich in der Wissenschaft. Ein Job, der manchmal ganz großartig sein kann (man ist flexibel in der Arbeitszeitgestaltung und bisweilen auch bei der Wahl des Arbeitsortes, die Lehre macht Spaß etc. etc.), aber schlicht und ergreifend durch und durch prekär ist. Irgendein schlauer Mensch hat einmal gesagt, dass postmoderne Gesellschaften sich durch eine „projektförmige“ Lebensgestaltung auszeichnen und nirgendwo trifft das wohl besser zu als im akademischen Betrieb.

Wissenschaftliche MitarbeiterInnen in jenen Disziplinen, die für die Wirtschaft bzw. Industrie wenig interessant sind (also Sozial- und Geisteswissenschaften in erster Linie), werden in der Regel nur Teilzeit beschäftigt. Oftmals werden hierfür verschiedene Viertel-Stellen zusammengeschustert, die durch Lehrstuhl- oder Drittmittel irgendwie finanziert werden. Diese Stellen sind grundsätzlich befristet – wenn man „Glück“ hat, auf drei Jahre mit einer Option auf Verlängerung – sofern denn die nötigen Gelder dafür vorhanden sind. Wenn man allerdings „nur“ in Forschungsprojekten landet, kann die Beschäftigungsdauer kürzer ausfallen – mitunter erhält man Verträge für lediglich drei Monate und es ist ungewiss, wie es danach weitergeht. Neben der wissenschaftlichen Forschungstätigkeit ist man nicht selten mit Administrations- und Sekretariatstätigkeiten betraut, arbeitet dem oder der Vorgesetzten zu, bereitet die eigene Lehre vor und nach, nimmt an Besprechungen teil und und und. Vor der Promotion dürfen wissenschaftliche MitarbeiterInnen allerdings überhaupt nur sechs Jahre an einer (deutschen) Universität beschäftigt werden, was bedeutet, dass man meist über den vertraglich vereinbarten Anteil an Arbeitsstunden hinaus arbeiten muss, um forschungstechnisch vorwärts zu kommen. Das Absurde ist dabei, dass innerhalb des Wissenschaftsbetriebs Ausbeutungsphänomene in der freien Wirtschaft kritisiert werden, man aber selbst die Bereitschaft aufbringen muss, abends länger und auch an den Wochenenden zu arbeiten. Denn Wissenschaft ist ja ein Neigungsberuf und dient nicht nur dem Broterwerb, ganz klar.

Man weiß außerdem nie genau, was nach dem Ende des aktuellen Arbeitsvertrags kommt – selbst wenn konkret geplant ist, diesen zu verlängern, kommt das tatsächliche OK der zuständigen Verwaltungsmenschen an der Uni so kurzfristig wie möglich. In meinem Fall war dies am Tag, an dem mein Arbeitsvertrag endete und ich bereits Post von meiner Krankenversicherung erhalten hatte, dass ich lt. meinem Arbeitgeber nicht länger dort beschäftigt sei (wenn man sowas nach einem Wochenende in der Post findet, reagiert man erstmal einigermaßen panisch, nicht schön!). Gut, dieses Unsicherheitsgefühl kann ich gerade noch ertragen, wenn ich weiß, dass das mit dem Arbeitsvertrag noch rechtzeitig klappt.

Allerdings bedeutet eine rechtzeitige Vertragsunterzeichnung noch lange nicht, dass man für die getane Arbeit auch entlohnt wird. Dafür verantwortlich ist wohl die am schwersten zu erreichende Institution des Universums – das Landesamt für Besoldung und Versorgung (LBV). Die Menschen dort scheinen derart viel zu arbeiten, dass man sie weder telefonisch noch per E-Mail erreichen kann. Was genau dort gemacht wird, ist mir schleierhaft. Effektiv und zeitnah wird dort jedenfalls nicht vorgegangen, denn schon bei Ersteinstellung wurde mir mitgeteilt, ich könne nicht mit einer Gehaltszahlung zum Monatsende rechnen, da das zuständige LBV Bearbeitungsrückstände habe. Ich solle doch auf Rücklagen (nach Arbeitssuche und Umzug) bzw. meine Eltern (weil jede(r) AkademikerIn bekanntlich wohlhabende Eltern hat) zurückgreifen. Ganz schön frech. Vermutlich reagiert man beim LBV nicht auf Anrufe oder Mails, weil diese überwiegend von empörten Menschen kommen. Nachvollziehbar wär’s ja.

Das ist hier alles vermutlich Jammern auf recht hohem Niveau. Es gibt viele viele Jobs, die schlechter bezahlt sind, bei denen man körperlich härter arbeiten muss und von der Chefetage gegängelt wird. Dennoch belastet mich die Unsicherheit dieses Jobs und auch die Erwartung, mehr zu geben als die Arbeitszeit, die mir bezahlt wird. Diese Effekte sind in jeder Branche scheiße und nein – Spaß an der Arbeit rechtfertigt nicht, dass man diese unbezahlt tut.

 

 

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Für die Füße!

Quelle: derwesten.de

Quelle: derwesten.de

Manchmal, aber wirklich nur manchmal, kommt es insbesondere im Sommer vor, dass ich mich dem Diktat der Modeindustrie unterwerfe. Dann trage ich ein Kleidchen oder Dekolleté (oder beides) und lackiere mir leidlichst die Fußnägel, um mithilfe bunter Farben das Elend, das sich meine Fußnägel schimpft, zu vertuschen. So auch diesmal: Ich hatte die Idee, unbedingt „Sandalen“ besitzen zu müssen, was angesichts meiner Füße, die außerhelb der Normgröße für Damen liegen, wie zwischen 38 und 39 zu rangieren scheint, ohnehin wahnwitzig genug war.

Nun begab es sich, dass ich tatsächlich ein Paar „feminine“ Schühchen fand, die mit meiner durchaus als bunt zu bezeichnenden Fußfarbe harmonierten. Sie stehen mir wirklich ausgezeichnet gut, soviel darf gesagt sein. Aber: Selbst in Schuhen mit so gut wie gar keiner Reibefläche laufe ich mir Blasen. Grundsätzlich und immer, auch in Flip Flops. Und es sollte diesmal nicht anders sein. Ich habe unfassbar große und schmerzhafte Blasen UNTER den Füßen, sodass nicht einmal Barfußlaufen Linderung verschafft. Im Gespräch mit der geschätzten Alex H., die heute blutende Zehen in Kauf genommen hat, um gut beschuht auszusehen, stellten wir uns also alsbald die Frage: Wieso zur Hölle müssen Damenschuhe allermeistens so unfassbar unbequem sein? Und wieso quetschen sich Frauen trotzdem in Schuhmodelle, die ihnen verkürzte Achillessehnen, Überbeine und andere leckere Deformationen an den Füßen bescheren?

Ich verstehe es ehrlich gesagt nicht, wie es Menschen möglich ist, in hohen Absätzen herumzulaufen. Ich kann gerade so in Keilabsätzen laufen, nach einiger Zeit tun mir die Fußballen aber dermaßen höllisch weh, als wäre ich über glühende Kohlen gelaufen. Alles, was schmal und wirklich hoch ist, finde ich erstens ziemlich unschön und zweitens kann ich mir beim besten Willen nicht vorstellen, darin auch nur ein paar Meter zu laufen. Wieso sollte man das auch wollen? Mit meinen nicht der Norm entsprechenden Füßen ist es ohnehin ein Graus, explizit als Damenschuhe ausgezeichnete Schuhe zu finden. Ich habe nämlich wirklich unfassbar breite Quadratlatschen mit einem hohen Rist, die in kaum ein elegantes Geschnür hineinpassen wollen oder aber über die schmalen Sohlen drüberquaddeln, denn scheinbar haben Frauen qua Natur schmale Füßlein – oder sind gewillt, sich in zu schmale, zu enge oder sonstwie der Anatomie entgegenwirkende Schuhe hineinzuquetschen. Ich möchte das nicht!

Ist es denn nicht möglich, schöne und gleichzeitig bequeme Schuhe zu produzieren, die nicht dafür sorgen, dass ich nach einem eintägigen Einlaufversuch ernsthaft darüber nachdenke, mir die Füße amputieren zu lassen? Selbst Damen-Sneaker sind derart schmal, dass mir schon beim Ansehen Hühneraugen wachsen. Ich habe prinzipiell zwar keine Probleme, meine „Stoffschuhe“ (wie mein Erzeuger sie nennt) in der Herren-Abteilung zu erstehen – Unisex-Schuhe sind ein total okayes Prinzip für mich – aber manchmal möchte ich eben auch pinke Schuhe. Oder welche mit Blümchen (naja, eigentlich möchte ich die nicht). Von daher appeliere ich an die Schuh-Industrie, die Vielfalt menschlicher Füße zu beachten. Was für ein Geld man damit machen könnte, für alle jene Ausgestoßenen zu produzieren, die nicht in die Normschuhe passen!

Zum Wahlergebnis…

Angesichts der erschreckend braunen konservativen Wahlergebnisse, die mich einigermaßen fassungslos zurücklassen, möchte ich hier und heute ein kleines Lexikon teilen, welches vielleicht in der Grundthematik gerade nicht brennend „aktuell“ ist, aber viele zentrale Begriffe des immer wieder aufflammenden rechtsnationalen und fremdenfeindlichen Diskurses sehr schön polemisiert. Urheber ist meiner Information nach der Blogger ThiloS und mein Dank geht an einen geneigten Leser, der mir dieses kleine Lexikon hat zukommen lassen.

Das große Islamkritikerlexikon

[…gerne auch zum Kopieren und zur Weitergabe]

Ausländer, der:
Einwanderer, gegen den der –> Islamkritiker nichts hat, der meist sogar sein bester Freund ist, es sei denn, er ist Moslem, Türke oder Sozialhilfeempfänger. Oder alles drei zusammen.

Bratwurst, die:
wichtiges Kulturgut, von dem der –> Islamkritiker befürchtet, dass es die –> Moslems abschaffen wollen

Demokratie, die:
lästige Gesellschaftsform, in der der –> Islamkritiker Widerspruch findet, beispielsweise durch –> Gutmenschen oder –> Moslems und die deswegen eigentlich abgeschafft gehört

Deutschland:
Land, in dem der –> Islamkritiker lebt und nach eigenem Bekunden so sehr liebt, dass er es am allerliebsten für sich alleine haben möchte oder, wenn schon das nicht geht, er wenigstens nicht mit –> Gutmenschen und –> Moslems teilen will

Differenzierung, die:
Eigenschaft oder Tätigkeit, die dem –> Islamkritiker fehlt und deswegen zwangsläufig zur Vertuschung der –> Wahrheit dient

Gutmensch, der:
lästiger Gegenpart des –> Islamkritikers, meist intelligent, gebildet und sowohl rhethorisch als auch fachlich dem –> Islamkritiker überlegen, weswegen er auch neben dem –> Moslem von dem Islamkritiker leidenschaftlich gehasst wird.

HartzIV, das:
Laut dem –> Islamkritiker die einzige Einnahmequelle eines –> Moslems in –> Deutschland.

Integration, die:
Forderung des –> Islamkritikers an hier lebende –> Moslems, die die perfekte Beherrschung der –> deutschen Sprache in Wort und Schrift, ein Einkommen über der Beitragsbemessungsgrenze sowie die Aufgabe des –> Islams und die Konvertierung wenigstens zum Atheismus beinhaltet und mindestens ein Nobelpreis wäre auch nicht schlecht

Islam, der:
Religion des –> Moslems, für den –> Islamkritiker allerdings eine rückständige Irrlehre und Ideologie, die es mit allen Mitteln zu bekämpfen gilt, beispielsweise durch –> Karikaturen

Islamkritiker, der:
Individuum, das früher an Stammtischen Skat und Schafkopf spielte und dabei dummes Zeug erzählte. Wurde durch die Durchsetzung des Rauchverbots an den heimischen Computer abgedrängt und bildet dort soziale Netzwerke mit der Monothematik –> Islam aus, den der Islamkritiker natürlich ganz furchtbar frauen-, menschen- und demokratieverachtend findet

Karikatur, die:
kleines Bildchen, mit dem der –> Islamkritiker gerne –> Moslems provozieren möchte, um deren –> Integration zu testen

Kultur, die:
das, was der –> Islamkritiker selbstverständlich hat, weil er aus dem gleichen Land wie Göthe und Morzart und Beathoven kommt und die selbstverständlich nicht zur Kultur des –> Moslems passt

Kind, das:
wahlweise Opfer einer Heirat durch einen –> Moslem oder demographische Waffe des –> Moslems, um –> Deutschland zur islamischen Nation umzubevölkern

Komma, das:
feindseliges Satzzeichen

Kopftuch, das:
simple Kopfbedeckung, die für den –> Islamkritiker allerdings ein Symbol für Rückständigkeit und Frauenunterdrückung ist, selbst, wenn es von Audry Hepburn oder Alice Schwarzer getragen wird

Koran, der:
für den –> Islamkritiker ein ganz ganz böses Buch, in dem ganz schlimme Anleitungen zum Töten von Ungläubigen, Heiraten von Kindern und dem Bauen von Sprengstoffgürtel stehen. So eine Art Terrorfibel eben.

Linker, der:
siehe –> Gutmensch

Meinungsfreiheit, die:
hohes Rechts- und Gesellschaftsgut, das der –> Islamkritiker unbedingt verteidigt wissen will – zumindest, wenn es die eigene Meinung ist. Die Meinung Andersdenkender soll möglichst durch „Sperren“ im Internet oder deren Wegzug „in die Türkei“ eliminiert werden.

Messer, das:
Laut dem –> Islamkritiker das von –> Moslems beliebteste Argument in einer Diskussion

Mohammed, der:
Religionsstifter des –> Islam, für den –> Islamkritiker allerdings ein Päderast und Menschenschlächter, der wenigstens so schlimm wie Hitler war, wenn nicht noch schlimmer

Moslem, der:
Ist für den –> Islamkritiker neben dem –> Gutmenschen das personifizierte Böse. Der Moslem ist für den –> Islamkritiker generell faul, ungebildet, rückständig, ein Messerstecher und Frauensteiniger, weil er als heiliges Buch den –> Koran hat.

Nazi, der:
Radikalislamkritiker, der offiziell vom –> Islamkritiker verachtet wird, aber unter Duldung des –> Islamkritikers dessen Mäppchen begeistert trägt und einmal Speerspitze einer Gegenbewegung gegen die –> Moslems sein soll

Nazikeule, die:
Jedwede Argumentation, die der –> Islamkritiker nicht versteht oder die ihm nicht gefällt

Obsthändler, der:
für den –> Islamkritiker als überflüssig angesehenes Berufsbild, das niemand braucht

Opfer, das:
–> Islamkritiker, der sich –> nazigekeult fühlt

Sarrazin, der:
Gallionsfigur des –> Islamkritikers, so eine Art Stammtischmessias, allerdings weit weniger charismatisch als beispielsweise Jesus. Oder Hitler.

Statistik, die:
Nützliches Instrument, wenn sie die These des –> Islamkritikers stützt, gefälschtes Machwerk der –> Gutmenschen, wenn sie seine These nicht stützt

Tierschutz, der:
Wichtiges Rechtsgut, das der –> Islamkritiker permanent von –> Moslems verletzt sieht, wenn zur Tötung eines Tieres kein Genickschussapparat, Schleppnetz, Jagdgewehr oder Rattengift verwendet wird

Türke, der:
Hauptfeindbild des –> Islamkritikers, weil… weil… weil… die immer so mit dem Messer und so machomässig und überhaupt und weil er –> Moslem ist, herrgottnochmal

Wahrheit, die:
gepachtetes Eigentum des –> Islamkritikers

Österreich und Ich

austria

Foto: Selfie

Meinen aufmerksamen LeserInnen dürfte nicht entgangen sein, dass ich zu Österreich bzw. der Stadt Wien eine besondere Hass-Liebe pflege. Dass ich diesem unwirtlichen Ort überhaupt etwas abgewinnen kann, liegt wohl nur an den fantastisch schönen Sommermonaten. Alles andere an Österreich ist furchtbar bis unerträglich – insbesondere die in weiten Teilen des Landes vorherrschende Mentalität (Ausnahmen bestätigen die Regel).

Als ich vor Jahren nach Österreich „ausgewandert“ bin, dachte ich, – wie viele andere versnobte Deutsche auch – dass Österreich nur ein Appendix von Deutschland sei, nur dass die Menschen dort eben eine sehr alberne Version der deutschen Sprache sprechen. Doch weit gefehlt – nicht nur, dass man als Zuwanderin aus dem Nachbarland eher zurückhaltend euphorisch empfangen wird (das war in Österreich ja auch schon mal anders…), die generelle Einstellung gegenüber allem Fremden und eine scheinbar ständig schwelende, von Minderwertigkeitskomplexen geprägte, Abneigung gegen über dem „großen Nachbarn“ (Stichwort Córdoba…) verpesten leider viel zu oft das Klima dieses doch gar nicht so hässlichen Landes.

StudienkollegInnen äußerten mir gegenüber offen ihren Unmut darüber, dass ich als EU-Bürgerin kostenfrei an den inländischen Universitäten studieren darf. Nicht selten wurde ich – die gar kein Massenstudium aufgenommen hatte – quasi in Sippenhaft genommen und dafür kritisiert, dass meine Landsmänner und -frauen in großen Scharen die (überaus verlockende) Chance nutzen, um in Österreich das zu studieren, was ihnen in Deutschland aufgrund von Zugangsbeschränkungen verwehrt blieb. Keine Frage: Wien ist voll von deutschen Studierenden, aber ist das wirklich so schlimm in einer Stadt, deren schönsten Viertel vom Mulitkulturalismus geprägt sind?

Ich sollte mich eigentlich nicht beschweren, denn obwohl ich mich mit jeder lauten Äußerung sofort als Deutsche outete – ich weigerte mich beständig, „Grüß Gott“ zu sagen oder nach einem „Sackerl“ zu verlangen – so wurde ich nie so angefeindet, wie es viele andere MigrantInnen in Österreich tagtäglich werden. Mit Grausen erinnere ich mich an eine U-Bahn-Fahrt zu Beginn meines Aufenthalts in Wien. Ein Mann sagte zu seiner Begleitung: „Man könnte die Hälfte der Menschen hier im Waggon nehmen und sofort abschieben.“ Die Aussage schockierte mich, aber sie ist leider symptomatisch für die Mentalität (zu) vieler Menschen im Land, die – angepeitscht vom unerträglichen Populismus der FPÖ – ihre Abneigung gegenüber den „schlechten“ AusländerInnen (also denen, die angeblich nur nach Österreich kommen, um Sozialleistungen zu kassieren oder Verbrechen zu begehen – sich also am österreichischen Volk bereichern wollen) zunehmend unverhohlener äußert. Und in einer rot-grünen Stadt wie Wien ist es wahrscheinlich nicht mal so schlimm wie in anderen Teilen des Landes, was allein schon an den Wahlergebnissen abzulesen ist, die beispielsweise im letzten Jahr die Steiermark zu einem blauen Bundesland machten – die FPÖ hat dort den Wahlsieg errungen.

Ich möchte damit nicht sagen, dass es in Deutschland so viel besser ist als in Österreich. Aber ich hatte und habe den Eindruck, dass dort von PolitikerInnen wie selbstverständlich eine Rhetorik genutzt wird bzw. werden kann, die hierzulande zum Glück (noch) verpönt ist. Ich schrieb bereits von der unsäglichen Aussage HC Straches, der sich und seine ParteikameradInnen als „die neuen Juden“ bezeichnete. Ähnliches hörte man zwar von Seiten der AfD, der Unterschied ist jedoch, dass Letztgenannte zumindest derzeit noch eine zurecht geschmähte Partei ist  – und die FPÖ Anfang der 2000er-Jahre sogar die Regierung mitbildete.

Und das ist, was mich besonders bestürzt – ein Land, welches eine ähnlich braune Geschichte wie Deutschland vorzuweisen hat,  sollte aus dieser gelernt haben. Man kann rechtsextremes Gedankengut leider nicht verbieten, aber es ist schon schockierend, welch unsägliche Äußerungen in Österreich gemacht werden können, ohne dass es einen gesamtgesellschaftlichen Aufschrei gibt. Es ist auch schockierend, dass eine Partei, die mit Slogans wie „Heimatliebe statt Marokkaner-Diebe“, „Daham statt Islam“ oder „Wir schützen freie Frauen. Die SPÖ den Kopftuchzwang“ werben (deren Duktus hierzulande „dank“ NPD und Konsorten leider auch nicht unbekannt ist), tatsächlich auf Bundesebene an die 20 % der Stimmen erhalten kann.

Ich habe während meiner Zeit in Österreich natürlich auch genügend Menschen kennenlernen dürfen, die selbst von der politischen Entwicklung in ihrem Heimatland schockiert sind und mehr oder minder aktiv etwas dagegen tun.

Mir macht dieser Rechtsruck, der ja auch in anderen Ländern Europas beobachtet werden kann und in Deutschland auf dem Vormarsch ist, allerdings Angst und ich hoffe, dass alles dafür getan wird, dass ausländerInnenfeindliches, antisemitisches, sexistisches, rassistisches (…) Gedankengut nicht (weiter bzw. wieder) salonfähig wird.

 

Lieber Franz Josef Wagner,

Fotografin: Me Chutai <3

Fotografin: Me Chutai ❤

Sie kriegen sicher häufig Briefe wie diesen, so fleißig, wie sie selbst tagtäglich im Lieblingskäseblatt der Deutschen ihre mahnenden oder auch unterstützenden Worte in die Welt hinaussenden, auch wenn eigentlich niemanden interessiert, was sie zu sagen haben (oder zu sagen haben müssen, damit die BILD was zum Abdrucken hat)… Sie tun es trotzdem und Sie bekommen Geld dafür, was mich einigermaßen neidisch macht, denn ich würde auch gerne dafür bezahlt werden, meine (populistische) Meinung in Kurzsätzen aufs Papier zu bringen und damit den Onkel (bzw. im meinem Fall die Tante) der Nation zu spielen. Vermutlich gelänge es mir nicht, denn so kurz kann ich mich nicht fassen, und für Springer würde ich ums Verrecken nicht schreiben wollen, aber es geht hier ums Prinzip.

Es ist ja auch nichts Neues, dass sie den moralinsauren Mahner geben, der an das Gewissen jener Menschen appelliert, die aufgrund ihrer Verfehlungen am Pranger der Öffentlichkeit (meist in Form Ihres Arbeitgebers) stehen. Wikipedia bezeichnet sie als „Boulevard-Journalist“, vermutlich auch deshalb, weil es die Berufsbezeichnung „Stammtischprediger“ noch nicht gibt. Im Lexikon zu diesem Begriff würde ihr (maximal pixeliges) Bild stehen, keine Frage.

Nun, wieso rege ich mich aktuell auf? Eigentlich ist ja auch jedes verlorene Wort über Sie zuviel. Der Anlass ist ein aktueller, der zumindest den fußballinteressierten Teil dieser Nation in Aufregung versetzt hat: Das jüngst ausgetragene DFB-Pokal-Finale zwischen Borussia Dortmund und Bayern München, welches von Letztgenannten in der Verlängerung gewonnen wurde. Diese hätte es womöglich nicht gegeben, hätten sie ein Tor von Borussia Dortmund als solches anerkannt. Allerdings war dies für das bloße, nicht von Zeitlupen und Multi-Perspektiven unterstützen Auge des Schiedsrichters Florian Mayer, der zudem nicht auf Höhe der Torlinie stand, nicht so einfach ersichtlich (für die Millionen BundestrainerInnen da draußen schon, die haben nämlich Zoom und Standbild und xfache Wiederholung, aber meine Güte, man kann es auch zu Tode diskutieren).

Solche Fehler passieren. Es werden Fouls übersehen oder als Schwalben gewertet. Es wurden schon Tore als solche nicht anerkannt, bei denen der Ball weitaus deutlicher hinter der Linie war (man erinnere an das Spiel Deutschland gegen England 2010, da hat sich hierzulande auch niemand beschwert..) und nicht erst seit Samstag tobt diese nervige Diskussion um Torlinienkameras oder sonstige Technik, die solch strittigen Situationen aufklären soll. Darum soll es hier aber eigentlich nicht gehen.

Was mich an Ihrem Brief, Herr Wagner, besonders enerviert, ist ihre Moralkeule, die dem Schiedsrichter mutwilliges Verhalten beim Nichtanerkennen des Tores unterstellt. Sie machen Herrn Mayer verantwortlich für die Tränen der zigtausend enttäuschten BVB-Fans, denen das Tor und damit der Pokalsieg (letzteres ist hypothetisch) verwehrt wurde. Ihre Wortwahl („Ich weiß nicht, wie Ihnen heute Ihre Brötchen in Braunschweig schmecken.“) könnte die LeserInnen fast glauben lassen, Florian Mayer hätte einen Menschen getötet oder eine andere schwerwiegende Straftat begangen. Mutwillig natürlich, oder mindestens fahrlässig! Nun weint ganz Dortmund und ein Braunschweiger Schiedsrichter ist schuld, ganz allein! Hoffentlich kann er das mit seinem Gewissen vereinbaren, er wird sicher nie wieder gut schlafen können, denn er ist der erste und einzige Schiedsrichter, dem solch ein Fehler JEMALS unterlaufen ist. An den Pranger mit ihm!

Ähnliche Rhetorik benutzen Sie übrigens, um das Verhalten der türkischen Regierung zu kommentieren oder die Entführung nigerianischer SchülerInnen. Fällt Ihnen was auf? Haben Sie schon mal was von Verhältnismäßigkeit gehört oder einfach mal darüber gedacht, welche Wortwahl in welchem Fall angemessen ist?  Ist natürlich nicht so reißerisch, wenn man keine Bilder von einer in einem gelb-schwarzen Tränenmeer versinkenden Stadt zeichnet, um zu suggerieren, es sei etwas WIRKLICH Tragisches passiert. Scheiße ist es trotzdem.

Herzlichst,

Ihre Lena