Lasst uns mal über Körperbilder reden

gummimann

Foto: Sebastian Blinn

Wir müssen mal wieder über ernste Dinge sprechen. Dazu quasi gezwungen hat mich Aaron, den ich in einem frechen Moment mit dem nebenstehenden Gummi-Männchen verglichen habe, welches unfassbar muskulös, gleichzeitig aber auch äußerst kurzschwänzig ist (dass es keine Füße hat und auch ansonsten ziemlich deformiert ist, sei mal unerwähnt). Aarons Vorwurf, mein Vergleich sei sexistisch, war durchaus berechtigt und er forderte mich dazu auf, einen Artikel über Männer als Opfer von Sexismus zu schreiben.

Mach‘ ich aber nicht, jedenfalls nicht direkt. Vielmehr möchte ich mich über die meines Erachtens immer krassere Idealisierung gewisser Körperbilder auslassen, die beide Geschlechter betrifft. Ob in der Werbung oder Serien/Filmen: Es werden in der Regel ganz bestimmte Ideen eines perfekten Körpers kolportiert, der bitte immer schlank, unbehaart (oder nicht zu viel behaart), an den richtigen Stellen bemuskelt (vor allem bei Männern) und mit der richtigen Oberweite (bei Frauen) versehen sein sollte. Haut ist im Fernsehen und auf Bildchen in Zeitschriften grundsätzlich absolut makellos, alle Menschen sind groß gewachsen und natürlich wunderschön. Und bringen mich zum Erbrechen.

Obwohl eigentlich Jede(r) weiß bzw. wissen sollte, dass das gängige Schönheitsideal von den wenigsten erreicht wird, scheint es überwiegend unkritisch konsumiert zu werden. Frauen- wie Männerzeitschriften werben Woche um Woche mit den besten Diäten und Bauchmuskel-Übungen sowie den besten Tricks, um im Bett gut auszusehen, geil abzugehen und möglichst lange durchzuhalten. Denn wer nicht gut aussieht, geil abgeht und lang durchhält, ist ein(e) VersagerIn – das wird zwar nicht (immer) explizit geschrieben, aber gedacht wird das sehr wohl. Dass Krankheiten wie Essstörungen bei beiden Geschlechtern auf dem Vormarsch sind, ist wohl untrennbar mit herrschenden Schönheitsideal verbunden – es wird auch immer wieder öffentlich diskutiert (zum Beispiel zu jedem Beginn von Germany’s Next Topmodel, dessen Kandidatinnen ironischerweise oftmals als zu dick für die Laufstege dieser Welt bezeichnet wurden…) – jedoch scheint es nicht viel zu bewirken.

„Hässlichkeit“ (in Filmen gerne dargestellt durch kastige Brillen, strenge Zöpfe, schiefe Zähne oder Zahnspangen) kommt in den Massenmedien selten vor, denn „hässliche“ Menschen sind meist auch die VerlierInnen der Gesellschaft. Sie finden keine PartnerInnen und keine Jobs, sie sind tollpatschig und/oder dumm. Zum Glück kann ihnen geholfen werden… Entweder durch Abnehmen, bis das Gewichtsideal bzw. die nächste Essstörung erreicht ist oder durch Schönheits-Operationen und Esszimmer-Renovierungen, bis die eigene Familie die Mutter nicht mehr erkennt, diese aber aussieht wie all die wunderbaren seelenlosen Damen, die uns von den Magazinen der zahllosen Beauty-Zeitschriften anlächeln. Und mit der oberflächlichen Re-Modellage ist dann ein neuer, besserer Mensch geschaffen, der nicht nur von außen (dank Tonnen von Make Up, Straffungen und was weiß ich) strahlt, sondern auch wie durch ein Wunder geläutert ist. Das ist ja eigentlich ganz einfach…

Um ohne die Hilfe von RTL2Sat1undwiesiealleheißen dieses Stigmata der „Hässlichkeit“ und Erfolglosigkeit loszuwerden, ist also Arbeit am Körper erforderlich. Sport ist an sich ’ne gute Sache, aber wenn Menschen mit dem Auto ins Fitness-Studio fahren, um dort auf einem festmontierten Rad zu strampeln und gleichzeitig fernzusehen, lässt mich das ehrlich gesagt zweifeln. Aber: Die Performanz von Sportlichkeit ist ein wichtiger Faktor, um ein Körperbild zu erreichen, dass den allgemeinen Standards entspricht. Heutzutage sportelt man ja nicht nur, man dokumentiert dies auch noch akribisch in den sozialen Medien, denn in Wahrheit hat man sich nur körperlich ertüchtigt, wenn es „die Anderen“ gesehen haben. Daher ist nicht nur der „perfekte“ Körper am Ende wichtig, sondern auch der Weg dorthin. Wer es nicht schafft, ist gescheitert. Easy as that.

Also wird sich geschminkt, an allen möglichen und unmöglichen Stellen enthaart (als junge Frau meines Alters kommt es einem mittelschweren Skandal gleich, außer auf dem Kopf noch irgendwo Haare zu haben…), die Kleidung wird typ-, alters-, und figurgerecht auswählt, die Nägel lackiert, die Haare frisiert, der Nachtisch weggelassen und Lowcarb gekocht… So verbringt man Stunden, um dem Ideal aus dem Fernsehen zu entsprechen und nicht mehr so auszusehen wie man selbst. Tausende von mir bereits hinreichend gehasste Blogs beschäftigen sich genau mit diesen Themen. Und es kotzt mich so sehr an.

Klar, man (und frau) muss sich im eigenen Körper wohlfühlen und Gesundheit ist ein hohes Gut, aber wieso zur Hölle streben so viele Menschen danach, auszusehen wie blutleere Mannequins, deren Bilder stundenlang mittels Photoshop retuschiert wurden (und wieso wird sich überhaupt diese Arbeit gemacht)? Welchen Sinn hat es eigentlich, dass Mädchen, die mehr als zehn Zentimeter größer sind als der Durchschnitt der Frauen, Kleidung präsentieren, die mehr als drei Nummern kleiner ist als die Durchschnittsgröße von Frauen? Wieso lassen sich Frauen derart von Mascara-Herstellern verarschen, die irgendwelche Falsche-Wimpern-Effekte durch ihr Produkt versprechen,  obwohl eigentlich offensichtlich ist, dass Bildbearbeitungsprogramme das Wimpernvolumen vervierfacht haben? Wer hat eigentlich entschieden, dass nur Männer mit Waschbrettbauch sexy sind? Wer möchte das eigentlich und wieso funktioniert das alles so gut? Ich möchte das jedenfalls nicht.

(An dieser Stelle passend wäre jetzt irgendein motivierendes „Love Yourself“-Bildchen, aber nä, das kann ich nicht bringen!)

Advertisements

Ein Gedanke zu “Lasst uns mal über Körperbilder reden

  1. Recht so – ja, ich bin zu fett, verliere Haare, seit ich 17 bin – gehöre also bestenfalls zu unterdurchschnittlich gut aussehend – aber mal echt jetzt: Wer sich jeder Chance beraubt, mich kennen zu lernen, hat diese wohl auch nicht verdient. Ich finde es gut, was DU geschrieben hast. Und wenn nur ein Mädchen oder eine Frau sich das zu Herzen nimmt, und sagt „Sch*** drauf! Ich esse jetzt ein Eis!“ hast DU schon gewonnen – Danke Dir !

    Gefällt mir

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s