Eure geistige Armut kotzt mich an!

Quelle: photocase.de

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Wie meine geneigten LeserInnen bereits wissen, gehört es zu meiner Selbstgeißelung meinen Hobbies, mich in Foren und sozialen Netzwerken rumzutreiben, um Diskussionen in ihrer Struktur, aber auch inhaltlich zu verfolgen. Ich finde es gleichermaßen spannend wie auch leider viel zu häufig deprimierend bis enervierend, welche „Meinungen“ im Internet konsensfähig sind.

Eine nie versiegende Quelle digitalen Brechmittels bietet dabei das Uni-Ressort von Spiegel-Online (genauso wie sämtliche Artikel, in denen es um Gleichstellungspolitik geht, aber das ist heute nicht das Thema) und die dazugehörenden Foren. Über den Troll habe ich ja bereits sinniert, dennoch möchte ich es mir nicht nehmen lassen, mich aus aktuellem Anlass über einen der Lieblingsgrabenkämpfe der SPON-Foristen (hier absichtlich im Maskulinum gehalten) auszulassen: Die qualitativen Unterschiede zwischen geistes- und naturwissenschaftlichen Studiengängen.

Als Sozialwissenschaftlerin kenne ich auch aus „dem echten Leben“ sämtliche Ressentiments, die man meiner Fächerwahl entgegenbringt, denn ich befand und befinde mich in einem quasi-permanenten Rechtfertigungsdruck was meine Studienfächer angeht. Das Wissen von den faulen Studierenden der Geisteswissenschaften, die nur Party machen und ausschlafen, während ihre KollegInnen aus den berühmten MINT-Fächern nichts anderes tun als für die Uni zu arbeiten, kann man in geschriebener Form regelmäßig bei SPON nachlesen, meist nur in den Foren, diesmal eben auch als Artikel der 25jährigen Marisa Kurz. Die hat nicht nur einen Master in Biochemie gemacht, sondern auch einen Bachelor in Philosophie und lässt sich darüber aus, wie unterschiedlich die Leistungsanforderungen doch seien. Damit gießt sie natürlich der geifernden Troll-Meute Öl ins Feuer, denn ENDLICH belegt mal jemand, was alle längst schon wussten: MINT-Studiengänge erfordern permanente Anwesenheit, Vor- und Nacharbeit und alles, wirklich alles wird benotet, während in den Geisteswissenschaften niemand daran interessiert sei, nachzuprüfen, ob man tatsächlich gelesen hat, was gelesen werden sollte und man noch auswählen kann, welche Noten tatsächlich in die Abschlussnote eingehen (nur am Rande sei bemerkt, dass sowohl mein Bachelor als auch mein Master-Studium beide eher dem Ablauf des hier beschriebenen MINT-Studiums entsprachen, glaubt mir aber wahrscheinlich eh wieder niemand…).

Davon abgesehen, dass es so viele Studien- und Prüfungsordnungen wie Studiengänge gibt und man den Arbeitsaufwand für einen sogenannten Credit Point nicht vergleichen kann (was ein Problem des Systems ist, denn eigentlich wurden diese Punkte eingeführt, um es vergleichen zu können…), stellt sich mir auch die Frage, was Frau Kurz (und andere Menschen) überhaupt als Qualitätskriterium für ein „gutes“ Studium ansehen. Sind es tatsächlich die geleisteten Arbeitsstunden, unabhängig von der Sinnhaftigkeit der erledigten Aufgabe? Ist man mit 18+ nicht alt genug, um selbst zu entscheiden, welche Inhalte man im Studium erarbeiten möchte? Müssen ProfessorInnen und WiMis tatsächlich mit der Peitsche (in Form von Abgabefristen, Leselisten, genauen Vorgaben etc.) drohen, damit Studierende zufrieden sind? Selbstverständlich muss es für jedes Studium verbindliche Leistungsanforderungen geben, um einen Abschluss zu erreichen und es muss auch geprüft werden, ob diese erreicht wurden. Aber gute Arbeit misst sich doch nicht daran, ob man möglichst lange daran saß und möglichst viele „Fakten“ auswendig gewusst hat.

Was mich gelinde gesagt ankotzt, ist ein scheinbar unter MINT-Studierenden und AbsolventInnen perpetuiiertes Wissen, dass ihre Fächer und die erbrachten Leistungen mehr wert seien als jene in Geisteswissenschaften, da sie ja „etwas Richtiges“ studiert hätten (Ausnahmen bestätigen bekanntermaßen die Regel). Ich habe keine Ahnung, woher diese Haltung kommt, aber man trifft sie immer wieder an und sie ist einfach nur ekelhaft unreflektiert. Denn für mich bedeutet Studium nicht, möglichst viel Wissen im Binge-Learning-Verfahren in meinen Kopf zu prügeln, in Multiple-Scheiß Choice-Prüfungen wieder auszukotzen und direkt auf die nächste Prüfung zuzusteuern.

Dies ist selbstverständlich nicht nur ein Phänomen in den Naturwissenschaften, sondern ereilt – dank BA/MA-System – auch die Geistes-und Sozialwissenschaften immer häufiger. Studieren bedeutet für mich neben dem Wissens- und Methodenerwerb auch die Entwicklung eines kritischen und eigenständigen Denkens und zu lernen, die eigene Zeit und Ressourcen sinnvoll einzuteilen, ohne dass mir meine Eltern meine Profs sagen müssen, was ich wann zu tun habe. Das nennt man auch Erwachsenwerden.

Ich für meinen Teil sehe nämlich keinen Sinn darin, mich in Turbogeschwindigkeit durch Lehranstalten schleusen zu lassen, um dann auf einen Arbeitsmarkt geworfen zu werden, wo ich mich mit der Konkurrenz, mit der ich mich bereits zuvor um Seminar- und Praktikumsplätze geschlagen habe, um Arbeitsplätze prügele, die auch dressierte Äffchen besetzen könnten (no offense).

Das kann doch niemals der ursprüngliche Anspruch jener Männer gewesen sein, die das Universitätswesen begründet haben! Diese ganze Ellbogengesellschaftsscheiße und dieser permanente Vergleichszwang – wieso will man das eigentlich?

 

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6 Gedanken zu “Eure geistige Armut kotzt mich an!

  1. Ja, der nie endende Kampf…ich habe auch zwei geisteswissenschaftliche Fächer studiert und an meiner Uni gibt es in meinen Fächern in jeder, aber auch wirklich in JEDER Veranstaltung Anwesenheitspflicht und in fast allen davon eine benotete Prüfungsleistung. Meistens eine Hausarbeit, an der man dann ewig sitzt. Semesterferien ade, sage ich da nur. So viel mal dazu, dass Geisteswissenschaftler immer ausschlafen können und nichts lernen. Was du zum Bulimie-Lernen schreibst, sehe ich übrigens genauso. Ich hab nie verstanden, was dieses in den Kopf kloppen vor der Klausur soll. Hinterher weiß ich’s eh nicht mehr. In den Naturwissenschaften scheint das ja völlig normal zu sein, was mich auch zu Frage bringt, was die eigentlich im Studium fürs Leben lernen. Wissenschaftliches Arbeiten und Schreiben scheinbar nicht. Eine Freundin von mir ist Agrarwissenschaftlerin und hat ernsthaft überlegt, keinen Masterabschluss zu machen, weil sie nicht weiß, wie man eine wissenschaftliche Arbeit schreibt. Machen die im Studium nicht, die machen nur Multiple Choice. Ihre einzige Arbeit bis jetzt war die Bachelorarbeit…und drei Mal darfst du raten, wer dann gut genug war, um die zwei Tage vor Abgabefrist zu strukturieren und sprachlich auf ein halbwegs akzeptables Niveau zu bringen…
    Ich hab nichts gegen NaWis (es gibt da ja auch nette), aber dass die meisten sich per se den Geisteswissenschaftlern überlegen fühlen, regt mich auch auf.

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  2. NaWi-bashing schliesst den Graben aber auch nicht gerade – ich war mit meinem Diplomstudiengang sehr zufrieden, konnte nebenher einen Sprachkurs und Vorlesungen anderer Fakultaeten besuchen und habe die Autorin dieses Blogs zwar ueber meine Diplomarbeit drueberlesen lassen, denke aber nicht, dass ich alleine eine inakzeptable Arbeit abgeliefert haette.
    Es mag Naturwissenschaften geben, in denen Bulimie-Lernen verlangt wird, aber letztlich lernt man doch Konzepte, die man nur anhand von Beispielen verstehen kann. Und ist die Art der Leistungsnachweise die Schuld des Studenten? Find ich ein wenig unreflektiert.
    Vielleicht ist es ja sogar so, dass nur der motivierte NaWi-Student auch „wissenschaftliches Arbeiten und Schreiben“ lernt?

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    • Die Kritik zielt in erster Linie auf die Strukturen, die es erfordern oder begünstigen, dass so gedacht wird. Du hast ja auch ein Diplomstudium gemacht und bist meiner Meinung nach eine ekzeptionell begabte, interessierte und fleißige Studentin und Wissenschaftlerin. Und das ist disziplinenübergreifend leider eher die Ausnahme, zumindest meiner Erfahrung nach.

      Von Samsung Mobile gesendet

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