Schlaf- oder Brechmittel?

Quelle: audible.de

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Am Sonntagabend zwang man mich, gemeinschaftlich den Leipziger Tatort anzuschauen. Google konnte mir die Frage nicht beantworten, ob dieser Akt der Gewalt gegen die Genfer Menschenrechtskonvention verstößt. Ich musste seelische Grausamkeiten erleiden, nicht nur, weil Simone Thomallas halb geöffneter Mund und ihr unfassbar angepisster Blick mich enervierten, auch wegen Franz Dindas unfassbar kindlich aussehender Hühnerbrust und der Steppjacke des Hauptverdächtigen.

Ich finde diesen allgemeinen Tatort-Hype unter jungen (bzw. nicht mehr ganz so jungen…) Menschen grauenhaft. Das könnte daran liegen, dass ich Krimis unglaublich öde finde, egal ob als Buch oder Film. Die Tatort-Reihe finde ich zudem unfassbar deutschtümelnd und schlecht gemacht. Als Beispiel seien die absolut gestelzten Dialoge in bestem Theaterdeutsch genannt, obwohl ja eigentlich der Lokalkolorit die jeweilige Produktion auszeichnen soll. Ganz selten spricht mal eine Sekretärin den lokalen Dialekt (oder wie aktuell Franz Dinda, das klingt dann aber manchmal auch ziemlich ätzend), ansonsten scheint die jeweilige Stadt nur Staffage, damit Einheimische laut jubeln können, wenn sie irgendeine dunkle Ecke ihrer Stadt wiedererkennen. Zumindest ist das im Saarland so. Denn eigentlich schaut man den ErmittlerInnen 85 Minuten dabei zu, wie sie an seltsamen Orten Verhöre führen, bis dann am Ende wie aus dem Nichts der oder die TäterIn feststeht. Natürlich gibt es zuvor immer zwei bis fünf wesentlich verdächtigere Personen, die alle ein Motiv gehabt hätten. Aber am Ende muss es ja dann doch irgendeine total absurde Wendung geben, sonst wäre es ja WIRKLICH langweilig. Und das Motiv ist IMMER Eifersucht, auch wenn der Tatort sich noch so politisch gibt (ich erinnere mich mit Grausen an die „traumatisierte Bundeswehrsoldaten“-Folge aus dem Saarland).

Deshalb schaue ich den Tatort in der Regel aus Prinzip nicht. Als gebürtige Saarländerin habe ich mich bisweilen dazu hinreißen lassen, mir das Elend anzusehen, aber seit Deeeevid Strieeeeesoooow den neuen Kommissar gibt und das Saarland zur Instagram-gefilterten Provinzkulisse verkommt, in welcher nicht mal mehr für Alice Hofmann Platz zu sein scheint, weiß ich schon im Vorfeld, dass es ein Trauerspiel werden wird. Daher tue ich alles lieber, als mir den Sonntagabend bei der ARD zu vermiesen.

Der Qualitätsmaßstab für eine Tatort-Folge ist (glaubt man Facebook-Status-Updates) auch erschreckend gering. „Diesmal ganz in Ordnung“ oder „Besser als die letzten Male“ reichen als Fazit schon aus, um viele ZuseherInnen zufrieden zu stimmen. Da ist es dann scheinbar auch egal, ob die Story hanebüchen, die Dialoge sackdämlich und die Charaktere höchst unglaubwürdig sind (von Realitätsansprüchen wollen wir gar nicht erst anfangen). Und auch wenn Plattformen wie SPON den Tatort im Vorfeld der Ausstrahlung immer voller Genuss zerreißen, hält es einen großen Teil der Deutschen (glaubt man der GfK) nicht davon ab, pünktlich nach der Tagesschau einzuschalten.

Und ich raufe mir nur die Haare und frage mich: WARUM? Wieso, liebe Mitmenschen, mögt Ihr Tatort? Wieso trefft Ihr Euch am Sonntag in Kneipen und Kaschemmen, um gemeinschaftlich die aktuelle Episode zu sehen? Wieso nutzt ihr Twitter und Social TV, um euch darüber auszutauschen? Bitte sagt es mir, denn ich verstehe die Welt nicht mehr. Danke.

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