Von Äpfeln und Birnen…

Quelle: aidshilfe-potsdam.de

Quelle: aidshilfe-potsdam.de

Mich regen dumme Menschen auf. Ehrlich. Ich mein, oft können sie ja nichts dafür, aber wieso müssen die ihre Blödheit dann nach außen tragen? Klar, es herrscht Meinungsfreiheit und so, aber manche Kommentare (insbesondere auf Facebook) schreien dem/der LeserIn ihre Einfältigkeit regelrecht ins Gesicht, da muss man doch mal was tun!

Besonders bezaubernd wird es, wenn es um das deutsche (Straf)Rechtssystem geht. Ich selbst bin, wie wahrscheinlich die allermeisten Menschen da draußen, noch nicht damit in Berührung gekommen und formuliere mal vorsichtig meinen Optimismus, dass das veranschlagte Strafmaß für die jeweilige Tat seine Berechtigung hat. Außerdem gibt es verschiedene „Möglichkeiten“, straffällig zu werden, die man nicht miteinander vergleichen kann und sollte; es macht einen Unterschied, ob man ErsttäterIn ist, ob man eine Gefahr für die Gesellschaft darstellt und und und…

Sehr viele Gestalten im Internet (und an Stammtischen, nehme ich an), glauben jedoch nicht an die deutsche Justiz und es kommt immer wieder der oft gelesene und gehörte Vorwurf auf, RaubkopiererInnen würden härter bestraft werden als „Kinderschänder“. Eine kurze Google-Suche spuckte mir dazu beispielsweise folgende Ergebnisse aus:

Warum werden Raubkopierer härter bestraft als Kinderschänder?

Wieso sitzen Raubkopierer 5 Jahre im Knast, während Kinderschänder 22 Monaten auf Bewährung bekommen? (und zahllose weitere Threads mit ähnlich formulierten Fragen, das Gleiche auf gutefrage.net)

Außerdem finden sich zahlreiche Foren-Diskussionen gefüllt mit Halbwissen sowie Hetzvideos auf YouTube. Als Gründe für diesen „Missstand“ werden Interessen der Wirtschaft angeführt und dass Kinder keine Lobby hätten (außer natürlich die zahlreichen höchst engagierten Sharer und Liker auf Facebook, die sich auch gerne mal zu Hetzjagden zusammenschließen, um mutmaßliche SexualstraftäterInnen dingfest zu machen – auch wenn es falsche Personen trifft…) Der urbane Mythos der härter bestraften RaubkopiererInnen hält sich hartnäckig und besteht weiterhin, obwohl diese völlig dämliche Frage zumeist von aufgeklärten ZeitgenossInnen korrigiert wird (Mindest- und Höchststrafmaß sollte man schon auseinanderhalten können?! Aber scheinbar hatte die PISA-Studie hinsichtlich der Lese-Kompetenz doch irgendwie Recht… Und außerdem sollte man die eher als missglückt zu bezeichnenden Abschreckungs-Kampagnen gegen Raubkopieren nicht für bare Münze nehmen.)

Aus sehr aktuellem Anlass (Der Wurst-Uli wurde zu 3,5 Jahren Haft verurteilt) fühlen sich wieder einmal allerhand Menschen dazu berufen, das Strafmaß für Herrn Hoeneß, der bekanntlich einen enorm hohen Betrag an Steuern hinterzogen und dies offenbar nicht korrekt/rechtzeitig/vollständig angezeigt hat, zu kritisieren. Das verhängte Urteil, welches ohnehin noch nicht rechtskräftig ist, empfinden viele als zu milde, die Strafdauer als zu kurz. Dies wird umso deutlicher, da ja neuerdings offenbar nicht mehr das Strafgesetzbuch ausgelegt wird, um das Strafmaß zu bestimmen, sondern die Bevölkerung selbst befragt werden muss (wie im oben verlinkten SPIEGEL Online-Artikel oder aber beim Lieblingsblatt der Deutschen und in zahlreichen Nachrichten-Sendungen), was angemessen scheint und was nicht. (Warum auch immer man ein gesteigertes Interesse daran haben sollte, wie lange genau Herr Hoeneß nun einsitzen muss – außer wahrscheinlich, man hasst den FC Bayern, wie so ziemlich alle Nicht-Bayern-aber-doch-irgendwie-Fußball-Fans dieses Landes… ) Dass Hoeneß darüber hinaus seine Steuerschulden plus Zinsen begleichen muss, wird dann irgendwie ignoriert.

Als Referenzrahmen wird auch hier gerne die Strafdauer für „Vergewaltiger“ oder „Kinderschänder“ herangezogen, ohne genau zu wissen, wie lange diese überhaupt im Falle einer Verurteilung einsitzen müssen, da reichen dann Allgemeinplätze wie „Ein Vergewaltiger hätte länger sitzen müssen“ – ein Blick ins StGB hätte geholfen. Ich bin eigentlich ganz froh, dass hier in Deutschland keine Jury entscheidet und es auch keine Selbst- oder Lynchjustiz (mehr) gibt –  wahrscheinlich wäre Hoeneß dann von BVB- und Werder-Fans lebenslang eingebuchtet worden mit der Auflage, das CL-Finale von München 2012 in Dauerschleife anzusehen, während man den/die verurteilte SexualstraftäterIn mit den Genitalien an den nächsten Baum genagelt hätte.

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