Linke aller Länder, vereinigt euch!

Quelle: kleiner-kalender.de

Quelle: kleiner-kalender.de

Heute gestehe ich: Ich gehöre einer Minderheit an und fühle mich deshalb nicht selten diskriminiert. Laut Wikipedia teilen 10-15 % der Bevölkerung mein Schicksal und kennen sicher die vielen Schmähungen und Benachteiligungen, die mit unserer Andersartigkeit einhergehen, da unsere Welt und viele Gegenstände des Alltags für RechtshänderInnen geschaffen wurde.

Ja, ich bin Linkshänderin und zwar eine von der Sorte, die mit der rechten Hand nicht einmal eine Zahnbürste richtig halten kann. Ich muss beim Essen immer das Besteck von links nach rechts wechseln, da ich mit der rechten Hand weder schneiden kann noch meinen Mund zuverlässig treffe. Aufgrund dieses motorischen Nachteils bin ich auch eine lausige Bastlerin, da ich mit herkömmlichen Scheren überhaupt nicht, mit LinkshänderInnenscheren nur leidlich ausschneiden kann. Meine Künste im Gemüseschnippeln sind bescheiden, weshalb mir diese Arbeiten von gewissen Freundinnen schon aberkannt wurden, denn meine Gemüsewürfel sind nicht exakt genug. Weil sie gar nicht würfelförmig sind (Wikipedia sagt mir dazu, dass das je nach Messer auch schwierig wird für LinkshänderInnen!)

Außerdem ist meine Handschrift ein Graus und sie wurde auch nicht besser, als ich in der 7. oder 8. Klasse beschloss – inspiriert von einer Lehrerin damals – meine „n“ wie „u“ aussehen zu lassen und meine „u“ wie „ü“ (nur halt mit Strich, echt kompliziert). In der Grundschule hatte ich in der 4. Klasse sogar eine Vier in Schrift und niemand wollte je neben mir sitzen, da man von mir nicht gut abschreiben konnte. Und da es noch nicht genug ist, mit diesem Schicksal beschieden zu sein, fühlen sich Menschen immer wieder dazu berufen, das ohnehin Offensichtliche noch laut auszusprechen: „Ach, du bist Linkshänderin?“ Ich möchte dann laut herausschreien:

NEIN, ICH SCHREIBE NUR AUS JUX UND DOLLEREI MIT LINKS , WEIL ICH ES LIEBE, MEINEN HANDBALLEN MIT TINTE ZU VERSCHMIEREN, DAS MACHT MICH INTERESSANT UND GEHEIMNISVOLL! VERDAMMT!

Der Gipfel meiner Diskriminierungsgeschichte wurde während meines Studiums in Wien erreicht. In unserem Seminarraum (oder auch Klassenzimmer) gab es Stühle mit integrierten Klapptischen (wie man sie aus amerikanischen College-Filmen kennt…). Diese waren ganz neu – und ausschließlich für RechtshänderInnen konstruiert. In einem Studiengang, der sich explizit mit Gleichberechtigung, Differenzkategorien etc. beschäftigte, fand ich es schon allerhand, dass ich mir als Linkshänderin den Rücken verbiegen musste, um Notizen zu machen und Prüfungen zu schreiben. Dazu kam dann noch, dass sämtliche Klapptische eine Schräglage hatten – man war also, wenn man nicht schrieb, permanent damit beschäftigt, die runtersegelnden Unterlagen zu stoppen. Ich muss nicht extra anmerken, dass mir dies eher selten gelungen ist, oder? Auch an die verantwortlichen Personen gerichtete Beschwerden brachten nichts – wir LinkshänderInnen wurden unserem Schicksal überlassen und es grenzt an ein Wunder, dass ich trotz dieser Einschränkungen meine Seminare und Vorlesungen erfolgreich abschließen konnte.

Und nun muss ich noch lesen, dass alle „positiven“ Eigenschaften, die uns LinkshänderInnen bislang zugesprochen wurden, lediglich auf Annahmen beruhen und wissenschaftlich zweifelhaft sind, weil unter den ProbandInnen zahlreiche sogenannte Umgelernte (was für eine seelische Grausamkeit!) waren! Dabei rede ich mir so gerne ein, besonders kreativ und höchst intelligent zu sein…

Am 13. August ist LinkshänderInnen-Tag. Ich plane, diesen mit einer Mahnwache zu begehen, um auf die Nachteile vieler LinkshänderInnen aufmerksam zu machen. Es gibt zwar bereits viele Produkte für LinkshänderInnen, sogar ganze Läden, aber das ist noch nicht genug!  Betroffene dürfen sich anschließen, Solidaritätsbekundungen Andershändiger sind gerne willkommen!

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4 Gedanken zu “Linke aller Länder, vereinigt euch!

  1. Ahh, wir sind nicht nur fernsehtechnisch Gleichgesinnte! Ich bin auch Linkshänderin und fühle mich auch gerne mal benachteiligt. Ich besitze mehrere Gemüseschäler, weil da auf der Packung ja nie draufsteht, ob man die nur mit rechts oder auch mit links benutzen kann. In 90% aller Fälle geht das aber nur mit rechts, na toll. Basteln hasse ich auch wie die Pest, aber mir ist noch nie in den Sinn gkommen, dass das an der Linkshändigkeit liegen könnte. Ich hatte nie eine Linkshänderschere (fanden meine Eltern überflüssig…), vielleicht ist das der Grund. Beim Besteck kann ich das Messer auch nur mit der linken Hand benutzen und manchmal frage ich mich, ob ich komische Verrenkungen mache, wenn ich die Gabel dann mit rechts zum Mund führe.
    Diese diskriminierenden Tische kenne ich aus der Uni übrigens auch und hab mich auch furchtbar darüber aufgeregt. Da kriegt man schon nach zehn Minuten Rückenschmerzen. Wie ignorant muss man sein, um diese Dinger zu kaufen? Aber Rechtshänder leben ja auch in einer Welt, die für sie gemacht ist, denen fällt sowas gar nicht auf…

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  2. Pingback: “Du bist der Narr!” | 50 Shades of Hate

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