„Und wie du wieder aussiehst…“

Fotograf: Sascha Thilmany

Fotograf: Sascha Thilmany

Dies ist ein Outing, welches für viele meiner FreundInnen und Bekannten kein Geheimnis mehr darstellt: Ich bin tätowiert. Nicht nur ein bisschen, sondern sogar ziemlich großflächig und vor allem sehr, sehr bunt. Vollständig bekleidet sieht man mir das (noch?) nicht an, denn ich lege darauf Wert, dass ich meine Tattoos gut verdecken kann, wenn es denn sein muss. Allerdings fände ich es ganz cool, wenn es nie sein müsste.

Man könnte annehmen, im Jahr 2014 seien Tattoos inzwischen etwas „Normales“ geworden, allerdings trifft mich (und andere Tätowierte) dann doch immer wieder die volle Breitseite an Vorurteilen und Unwissen bezüglich Tätowierungen. Wenn man erstmal stark tätowiert ist, wird man (im Sommer/im Schwimmbad/im Supermarkt/in der Kneipe) nicht nur bestaunt, beglotzt oder mit verächtlichen Blicken bedacht (darüber beschwere ich mich gar nicht, damit kann ich gut leben), sondern auch immer wieder angesprochen. Die dabei gestellten Fragen und Aussagen sind oftmals die Gleichen und ich frage mich, ob manche Menschen diese nur äußern, um überhaupt was zu sagen oder ob sie wirklich interessiert sind an dem, was ich über meine Tätowierungen zu sagen habe. Um das klarzustellen: Ich rede gerne über (meine) Tattoos, aber viele dumm-naive Fragen und pseudo-witzige Äußerungen sind einfach ermüdend.

„Ist das echt?“

ist eine Frage, die ich wirklich häufig zu hören bekomme. Viele Menschen scheinen nicht zu wissen, dass es möglich ist, bunte Tattoos zu stechen. Erst am Wochenende wurde ich gefragt, ob sich auf meinem Rücken und Arm denn „Biofarbe“ befände oder ob das wirklich in die Haut gestochen sei. Ich frage mich, was da in der Vorstellung der fragenden Person abgegangen ist. Glaubt sie wirklich, ich bemale mir Arm und Rücken aufwändigst für den abendlichen Ausgang? Auch der Versuch eines Mannes, mir die Farbe vom Rücken zu rubbeln, war zum Scheitern verurteilt und so musste wohl oder übel akzeptiert werden, dass meine Tattoos NIE MEHR weggehen werden.

„Was ist, wenn du mal alt bist?“

ist der Klassiker, den jede(r) Tätowierte(r) regelmäßig zu hören bekommt. Mehr noch als diese ständige Fragerei irritiert mich dieses starke Ausrichtung auf eine weit entfernte Zukunft, die wir nicht mal alle mit Sicherheit erleben werden. Mir gefallen Tattoos jetzt, ich möchte jetzt so aussehen und ich kann nicht wissen, ob und wie sich diese Einstellung in den nächsten Jahrzehnten ändern wird. Es ist ja nun auch nicht so, als ob das Alter der beste Teil des Lebens wäre, den ich öffentlich nackt herumhüpfend verbringen werde. Wäre zwar irgendwie schön, ist aber unwahrscheinlich.

„Tut das nicht weh?“

Die Formulierung dieser Frage im Präsens suggeriert die Annahme, ein Tattoo würde permanente Schmerzen bereiten. Ich kann beruhigen: Dem ist in der Regel nicht so. Dass der Vorgang des Tätowierens, dabei wird Farbe ja per Nadel in die Haut gebracht, schmerzhaft ist, sollte hingegen selbsterklärend sein. Das Schmerzempfinden ist zwar von Mensch zu Mensch unterschiedlich und auch abhängig von Motivgröße, Arbeitsweise und -dauer sowie der eigenen körperlichen Verfassung, aber es tut nie nicht weh!

„Wieso hast du dir das stechen lassen? Haben deine Motive eine Bedeutung?“ 

Sendungen wie Miami Ink und alle möglichen Ableger davon haben (Custom-)Tattoos zwar einerseits stark popularisiert, andererseits aber auch ein sehr verzerrtes bzw. einseitiges Bild der Tattoowelt geschaffen. Nicht jedes Motiv ist verstorbenen Familienmitgliedern oder dem Haustier gewidmet, es müssen auch nicht immer Huldigungen an Lieblingsband/AutorIn/Film sein. Manche Sachen sehen einfach gut aus und dienen nur als Schmuck. Allerdings scheinen Begründungsversuche bei Motiven wie Mettigeln und Eis leckenden Pandas sowieso sinnlos zu sein…

„Hast du nicht Angst, dass du das irgendwann nicht mehr mögen wirst? Ich würde mir ja nur ein zeitloses Motiv wie Sterne/Tribal/Fenstervögel tätowieren lassen.“

Für mich gehören meine Tattoos zu meinem Körper, sie sind ein Teil davon geworden und ich finde mich mit ihnen schöner. Aufgrund dieser Aussage attestieren Möchtegern-PsychologInnen ja gerne Körperwarnehmungs-Probleme. Mag stimmen, aber wenn’s so is‘, isses nun mal so.Modeerscheinungen wie Sterne/Tribals/Federn/Vögel/Pusteblumen als zeitlos zu bezeichnen, finde ich außerdem lachhaft und absurd. Keine Motive waren und sind so sehr von Trendwellen abhängig wie die genannten und es sind ironischerweise immer die gleichen Menschentypen, die genau nach solchen Tattoos verlangen. Nicht nur, dass ich sowas langweilig finde. Es ist erstaunlich, wieviele Menschen bei Tattoos absolut unkreativ sind und nur das wollen, was sie schon irgendwo gesehen haben. Dann wird kopiert, bestenfalls noch etwas abgeändert und man läuft mit etwas herum, was so oder so ähnlich sehr viele Menschen bereits haben. Mag ich nicht. Für mich ist eine perfekte Tätowierung eine Mischung aus meiner (natürlich genialen) Idee und der Umsetzung des/der Tätowierers/Tätowiererin. Und zwar in deren persönlichen Stil und als Unikat.

„Ich geh zum Studio XY in Blablahausen, da gehen voll viele aus meinem Bekanntenkreis hin und man muss voll lange warten, das kann nur gut sein. Außerdem will ich ja nur ein bisschen Schrift, das ist nicht so schwer.“

Das liest und hört man oft von (tattoounerfahrenen) Menschen. Fakt ist: Viel zu viele Menschen lassen sich Dinge tätowieren, die sie sich in dieser Ausführung nicht einmal an die Wand hängen würden, weil’s einfach scheiße aussieht. Aber lebenslang unter der Haut tragen, das ist geil. Auf die Empfehlung von irgendwem mit irgendeinem Tattoo würde ich mich nicht verlassen – und die Wartezeit in einem Laden ist kein Qualitätsgarant, denn es laufen sehr viel mehr Menschen mit handwerklich beschissenen als mit guten Tattoos herum. Und die sind nicht alle vom besten Freund mit dem umgebauten Rasierapparat gestochen, sondern kommen viel zu häufig aus „richtigen“ Läden. Ein Tattoostudio eröffnen ist nicht schwer – Tätowieren hingegen schon eher. (Ich hab’s nie probiert, ich könnte vermutlich nicht mal die Maschine richtig halten, aber da viele Leute es nicht können und trotzdem tun, gehe ich mal von aus, dass es so leicht nicht ist.) Fakt ist: Auch für Schrift oder vermeintlich einfache schwarze Linien/Flächen müssen Grundfähigkeiten vorhanden sein. Man sollte sich daher echt richtig gut informieren, bevor man sich irgendwas unter die Haut ballern lässt. In Zeiten von Facebook und Instagram, wo unzählige TätowiererInnen ihre Arbeiten für lau präsentieren, ist das auch gar nicht so schwer. Nur irgendwie verbringen viele Menschen mehr Zeit damit, sich Gedanken über ihr in einem halben Jahr veraltetes Smartphone zu machen als mit der Frage, wer ihnen ein Hautbildchen entwerfen und stechen soll, welches im Idealfall ein Leben lang hält und gut aussieht.

„Dann seh’n se halt scheiße aus, selbst Schuld„,

mag man da sagen. Ich als alte Idealistin mit Missionierungstrieb komme aber nicht umhin, die Leute auf den Weg der Tugend bringen zu wollen. Dabei fühle ich mich zwar zumeist wie Don(na) Quijote im Kampf gegen Windmühlen, aber die Hoffnung stirbt ja nie, dass ich im Schwimmbad irgendwann nicht mehr nur gescratchten Rotz sehe, sondern auch mal richtig geile Tattoos. Man, wär das schön.

(Disclaimer: Die Liste an Fragen/Aussagen lässt sich noch erweitern, weshalb es gut möglich ist, dass es hierzu ein Sequel geben wird. Man darf gespannt sein.)

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7 Gedanken zu “„Und wie du wieder aussiehst…“

  1. Super ist auch die Frage: „Du hast ja bald gar keinen Platz mehr, oder??“
    Zur Erklärung: ich habe ein Backpiece und ansonsten ein paar kleine bis mittelgroße Tattoos an den Armen, am Knöchel und auf dem Fußrücken. Also noch maaaaaaassig Platz (Oberschenkel, Waden, Brust, Bauch, Rippen, alles leer…). Ich schätze, dass höchstens 15-20 % Prozent meiner Haut tätowiert sind, wahrscheinlich sind’s nur 10! Und dennoch fühle ich mich nach solchen Gesprächen immer, als würde ich so aussehen: http://www.oddee.com/_media/imgs/articles/a374_Leppard.jpg

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