Das Leben der „Anderen“

CastroNachdem ich lange in meinem mentalen Themen-Fundus gekramt habe, entschloss ich mich dazu, heute ein Thema aufzugreifen, über welches abzuhaten eigentlich zum guten Ton gehört oder zumindest gehören sollte: Homophobie. Dass Schwulen/Lesben/Bi/Transhass scheiße ist und Menschen, die dies frei äußern, eins auf die Fresse kriegen sollten (zumindest verbal), ist vermutlich weitgehend Konsens und nichts Neues mehr. Zum Thema hat Stefan Niggemeier einen sehr schönen Artikel für die FAZ geschrieben, den mensch gelesen haben sollte, dennoch möchte ich hier meine Gedanken dazu aufschreiben, weil ich mich seit Anfang Januar wirklich irrsinnig darüber aufrege.

Was mich in den seit Jahresbeginn zu beobachtenden Diskursen über Outings diverser prominenter Personen (darunter Thomas Hitzlsperger oder Ellen Page in einer absolut hörenswerten und berührenden Rede am Valentinstag) sowie der Diskussion rund um den Bildungsplan in BaWü so richtig ankotzt, sind diese immer häufiger verklausulierten Äußerungen von Homophobie, die sich überall im Internet verstreut finden lassen. „Ich bin ja nicht homophob, aber…“ ist die weithin bekannte Standardformulierung, die vielen dieser Statements vorangestellt wird, um den später folgenden Driss zu relativieren.

Ein paar dieser „Meinungsäußerungen“ möchte ich daher sammeln (die Zitate gebe ich sinngemäß wieder) und kommentieren.

„Bei all den Outings in letzter Zeit muss man sich ja fast schämen/ist es ja fast eine Ausnahme, heterosexuell zu sein.“ – Ja, denn Homo/Bi/Transsexuelle sind eine feindliche Spezies, die die heterosexuelle Welt überrollen wird. Die Wissenschaft hat berechnet, dass heterosexuelle Partnerschaften im Jahr 2384 ausgestorben sein werden. Man muss unbedingt etwas dagegen tun! Wie wäre es mit Pride-Paraden für Heteros? Wobei nee – die Performance von Heterosexualität sieht man ja eh jeden Tag. Überall.

„Homosexualität ist Privatsache, was geht mich an, was diese Menschen im Bett treiben?“ – Solche Statements musste ich oft genug lesen und ich hatte Bilder von Menschen im Kopf, die auf Straßen, in Supermärkten, in Parks und überall sonst wild kopulierten. Homo/Bi/Transsexualität wird so auf sexuelle Praktiken reduziert und nicht auf den Wunsch, mit dem/der PartnerIn der Wahl ein gemeinsames Leben zu führen. Möglicherweise auch mit wildem Coitus, aber vermutlich nicht nur.

„Sowas sollte doch heute selbstverständlich sein, als heterosexuell oute ich mich ja auch nicht.“ – Jeder öffentliche Auftritt mit Partner/Partnerin ist ein Bekenntnis zur sexuellen Orientierung und somit ein Outing. Nur dass Heterosexualität eben nicht gesellschaftlich sanktioniert wird, sondern die Norm darstellt. Und jetzt stelle man sich mal die Medienreaktionen vor, wäre ein Thomas Hitzlsperger zur Weihnachtsfeier des Vfb Stuttgart einfach mal mit Partner erschienen, also ohne vorheriges Outing. Uhoh.

„Die können ja gerne schwulesbischbitrans sein, aber wieso müssen die immer nackt über die Straßen tanzen?“ Der Christopher Street Day (oder Gaypride) ist eine Form der Demonstration. „Wieso müssen die denn heute noch demonstrieren?“ werden viele fragen. Wohl deshalb, weil Schwule/Lesben/Bi/Transpersonen immer noch gesellschaftlichen Restriktionen und Repressionen unterworfen sind (in vielen Ländern noch wesentlich stärker als im deutschsprachen Raum)? Weil sie bezogen auf ihre Partnerschaften noch immer nicht vollständig gleichgestellt sind und Bundesmutti Merkel den Teufel tun wird, dies zu ändern, solange sie nicht vom Bundesverfassungsgericht dazu gezwungen wird? Paraden, die übrigens meist nur einmal im Jahr stattfinden und die auch  heterosexuellen Menschen großen Spaß bereiten können, sind ein Mittel, um Sichtbarkeit zu schaffen. 365 Tage im Jahr ist dies für heterosexuelle Menschen problemlos möglich – und der Queer-Community möchte man dieses Recht an einem einzigen Tag im Jahr absprechen?

„Es ist ja schön und gut, dass es schwulesbischbitranssexuelle Menschen gibt, aber wieso muss das Thema im Unterricht sein? Ich möchte nicht, dass meine Kinder dem ausgesetzt werden, die werden dann ja auch homo/bi/transsexuell!“ – Wäre dem so, dass Homo/Bi/Transsexualität ein Ergebnis des Vorlebens „falscher“ Lebensentwürfe wäre, dann dürfte es keine homo/bi/transsexuellen Menschen geben – da die meisten von uns von heterosexuellen Eltern erzogen wurden. Im Unterricht geht es nicht um Anleitungen für homo/bi/transsexuelle Sexualpraktiken, es geht darum, Sichtbarkeit zu schaffen und alle denkmöglichen Partnerschaftsformen als „normal“ darzustellen, etwa indem Peter und Nina aus der Lesefibel mit ihren beiden Müttern in Urlaub fahren.

„Man muss ja auch sehen, dass so ein schwuler Fußballer seine Mannschaftskollegen in unangenehme Situationen bringen kann, etwa, wenn gemeinsam geduscht wird.“ – Dann erleben heterosexuelle Männer mal, wie es sehr vielen Frauen alltäglich geht. Und nein, man ist nicht automatisch Objekt der Begierde für das schwulesbische Gegenüber und konsensueller Verkehr ist auch bei Homo/Bi/Transsexuellen die Regel.

All diese Äußerungen stellen Abwehrhandlungen dar, die implizieren, heterosexuelle Menschen stellten inzwischen eine Minderheit dar, die von Homo/Bi/Transsexualität bedroht wird. Ich finde es unerträglich, weshalb sich heterosexuelle Menschen überhaupt anmaßen dürfen, über die Rechte und Sichtbarkeit der „Anderen“ zu entscheiden. Mir wäre es persönlich auch „lieber“, Outings wären im Jahr 2014 nicht mehr nötig. Prominente Vorbilder sind daher wichtig für viele junge (und ältere) Menschen, die sich mit ihrer sexuellen Orientierung ausgeschlossen, allein gelassen oder „abnormal“ fühlen und daher begrüße ich jeden Fußballer und jede Schauspielerin, die sich dazu bekennen, schwulesbisch zu sein und jede Sängerin, die zu ihrer Transsexualität steht.

Abschließend interessiert mich dann noch eins: Wie nennt man eigentlich den Hass gegenüber/die Angst vor homophoben Menschen?

Und da flatterte mir noch ein „nettes“ Video von Oliver Polak rein.

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2 Gedanken zu “Das Leben der „Anderen“

  1. Pingback: Thilo, halt’s Maul! | 50 Shades of Hate

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